In der Schweiz ist qualitativ alles besser – oder nicht?

von redaktion
Sirup

(© Keystone / Gaetan Bally)

Eine Leserin fragt uns, ob in der Schweiz verkaufte Produkte strengeren Qualitätsanforderungen unterstehen als jene in der Europäischen Union.

Schweizer und Schweizerinnen gelten als qualitätsbewusst. So lautet denn auch ein weit verbreitetes Klischee, dass in der Schweiz alles ein bisschen besser ist als anderswo. Eine Leserin fragt uns: Unterliegen in der Schweiz verkaufte Produkte höheren Qualitätsstandards als jene in der Europäischen Union?

Die Antwort lautet: Es kommt darauf an. Zunächst einmal ist nicht ganz klar, was unter „Qualitätsstandards“ zu verstehen ist. Das kann Produktesicherheit, Transparenz, Zutatenvorgaben, Tierschutz und vieles mehr sein. Laut dem Eidgenössischen Büro für Konsumentenfragen lässt sich die Frage nicht im Allgemeinen beantworten. Je nach Produkt und Aspekt würden wahrscheinlich strengere oder weniger strenge Regelungen gelten. Wir werden im Folgenden einige Aspekte anschauen.

EU-Produkte dürfen auch in der Schweiz verkauft werden

Beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen heisst es auf Anfrage von swissinfo.ch: „Qualitätsanforderungen sind in Europa nicht harmonisiert. Jedes Land kann eigene Kriterien festlegen, beispielsweise wie viel Fruchtsaft in einem Fruchtsirup sein muss.“

Das so genannte Cassis-de-Dijon-Prinzipexterner Link verlangt allerdings von der Schweiz, dass Produkte, die in der EU zugelassen sind, auch auf dem Schweizer Markt verkauft werden dürfen. Insofern kann nicht die Rede davon sein, dass in der Schweiz verkaufte Produkte grundsätzlich höheren Qualitätsanforderungen unterstehen – weil nämlich viele EU-Produkte ohne vorgängige Kontrolle in der Schweiz frei zirkulieren. Ausnahmen gelten bei Lebensmitteln und manchen Spezialprodukten (beispielsweise Chemikalien), bei denen die Schweiz aus Gründen der Gesundheit und Sicherheit der Konsumenten die Einfuhr verhindern kann. Nicht aber wegen angeblich „minderer“ Qualität.

Schweizer erfahren als Letzte von Rückrufen

Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz kennt Beispiele, in denen die Schweiz der EU sogar hinterherhinkt. Die Schweiz hat im Unterschied zur EU Futtermittel nicht im Lebensmittelgesetz geregelt. „Zahlreiche grosse Lebensmittelskandale der letzten Jahrzehnte rühren jedoch von den Futtermitteln her“, sagt Walpen und erinnert an Dioxin-, BSE-, und Nitrofen-Skandale.

Auch bei der Produktesicherheit hapert es: „Ein grosser Nachteil für die Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz ist, dass die Schweiz nicht den zentralen europäischen Datenbankenexterner Link angeschlossen ist, welche die Mängel und Rückrufe von Lebensmitteln, Kosmetika und Gebrauchsgegenstände sammeln und rasch weiterverbreiten.“ Diese europäischen Schnellwarnsysteme seien wichtige Instrumente, um die Sicherheit der Konsumenten zu gewährleisten, sagt Walpen und bedauert: „Die Schweiz ist hier nur Zaungast.“ Mit anderen Worten: Stellt sich heraus, dass ein Produkt gefährlich ist, erfahren es die Schweizer und Schweizerinnen als Letzte.

Besserer Tierschutz

Hingegen kennt die Schweiz laut Walpen etwas strengere Vorschriften bei Herkunftsangaben von Zutaten in Lebensmitteln.

Und: Obwohl auch in der Schweiz laut Walpen noch Verbesserungen angebracht sind, schneidet sie bei der Tierhaltungexterner Link dank detailliertem Tierschutzgesetz und hoher Dichte an Bio- und Label-Betrieben im Durchschnitt wohl besser ab als die meisten EU-Länder. So sind beispielsweise Batteriehaltung von Hühnern, Stopfleber und das Abschneiden von Froschschenkeln oder Schächten von Säugetieren ohne Betäubung in der Schweiz verboten. Die Produkte dürfen aber importiert und in der Schweiz verkauft werden.

Fazit: Nicht bewiesen. Um die Frage zu beantworten, ob in der Schweiz verkaufte Produkte höheren Qualitätsstandards unterliegen als in der EU, müsste jedes Produkt einzeln beurteilt werden. Und höhere Qualitätsanforderungen bei der Produktion in der Schweiz bedeuten noch lange nicht, dass alle in der Schweiz verkauften Produkte höhere Qualität aufweisen, da die Importe eine wichtige Rolle spielen.

Warum preisen alle Länder das eigene Fleisch als das Beste an?

Nicht nur Schweizer Produzenten oder Gastrobetriebe werben mit „100% Schweizer Fleisch“. Auch in anderen Ländern wirbt die Fleischbranche bewusst mit der inländischen Herkunft des Fleisches. Warum ist das so?

Josianne Walpenexterner Link von der Stiftung für Konsumentenschutz sieht die Erklärung darin, dass die Tierhaltung vielen Konsumenten und Konsumentinnen ein grosses Anliegen ist. „Wird das Fleisch im eigenen Land produziert, haben sie den Eindruck, dass eine tier- und artgerechte Haltung eher gegeben ist und diese auch kontrolliert und überwacht wird.“ Berichte über Tierquälerei, Massentierhaltung und überlange Transportwege in die Schlachthöfe verunsicherten viele Konsumenten, so dass sie lieber zu inländischem Fleisch griffen – auch wenn im eigenen Land nicht alles zum Besten stehe.

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