Iranischer Wandkünstler Ghadyanloo: „Ja, Kunst kann etwas ändern“

von redaktion

Ghadyanloo-Werke am WEF in Davos: „Das Bild steht für die nächste Generation.“

(WEF)

Seine Kunst ist im Exil, er lebt im Iran: Mehdi Ghadyanloo lebt und arbeitet im Iran, kann seine Gemälde aber nur im Ausland verkaufen. Zurzeit weilt er in der Schweiz am WEF, als Mitglied der Art Leaders. Swissinfo.ch hat mit ihm über Kunst, Politik und Sanktionen gesprochen.

swissinfo.ch: Wie ist es, in der aktuellen Situation im Iran ein Künstler zu sein? 

Mehdi Ghadyanloo: Für Künstlerinnen und Künstler ist es schwierig, im Iran zu arbeiten und genügend zu verdienen. Da die iranische Währung so viel an Wert verloren hat, ist das erste, wo gespart wird, natürlich Kunst. Die Sanktionen erschweren die Lage zusätzlich, man kann weder seine Werke frei exportieren noch gewisses Kunstmaterial importieren, weil viele Cargo-Unternehmen seit den Sanktionen nichts mehr mit dem Iran zu tun haben wollen. Dazu kommt das ewige Visa-Problem für iranische Kunstschaffende: Ein befreundeter Künstler, der mit einer Galerie in New York zusammenarbeitet, hat nicht einmal ein Single-Entry-Visum in die USA erhalten für die Eröffnung seiner eigenen Ausstellung. 

Gleichzeitig schäme ich mich zu sagen, dass die Kunst nicht genug Unterstützung erhält, weil ich sehe, dass in unserem Land die Armut zunimmt und Menschen verhungern. Dennoch: Es ist nicht fair, Sanktionen auf Kunst zu erheben. Wir haben eine friedliche Sprache, wir vertreten keinen Krieg, sondern Freundschaft. Wenn andere Länder wirklich Probleme mit unserer Regierung haben, warum üben sie dann Sanktionen auf die normalen Menschen aus? Glauben sie wirklich, dass diese Finanzkrise auch die Familien der Regierungsleute trifft? Mitnichten.

swissinfo.ch: Die Sanktionen sind also das falsche Mittel, damit es im Iran zu Veränderungen kommt? 

M. G.: Sanktionen spielen Regierungen oftmals in die Hände, sie dienen ihnen als Ausrede. Die Machthaber sagen dann einfach, sie könnten sich nicht stärker für ihr Volk einsetzen, weil ihnen wegen den Sanktionen die Hände gebunden sind. Korruption lässt sich hinter den Sanktionen wunderbar verstecken. Doch auch Europa verhält sich meiner Meinung nach schlecht. Sie haben den Nukleardeal ja auch unterzeichnet hat und können oder wollen trotzdem nichts gegen den Austritt der USA unternehmen. Sollte es im Iran zu einem Krieg oder ähnlichem kommen, müsste Europa mit 10 bis 20 Millionen Flüchtlingen rechnen. 

swissinfo.ch: Ein Schuss ins eigene Bein? 

M. G.: Ja. Ein weiteres Beispiel: Jetzt sprechen alle von Klimawandel. Kürzlich habe ich im Fernsehen gesehen, dass der Iran wegen der Sanktionen keine Abgasfilter für die Autos importieren kann. Dadurch gibt es mehr Smog, der dann auch nach Europa ziehen kann. Wir leben in einer sehr sensiblen Welt, solche Probleme können einen Schmetterlingseffekt haben.

swissinfo.ch: Sie sind ein international bekannter Künstler und arbeiten mit Galerien in London und Oslo zusammen. Betreffen Sie solche Probleme trotzdem? 

M. G.: Ja, wenn es um Logistik und Lieferungen geht. Eines der Probleme ist, dass iranische Banken vom globalen Finanzsystem ausgeschlossen sind, sprich internationale Transaktionen gar nicht möglich sind. Es ist kompliziert, einen Weg zu finden, Geld für die Bilder aus dem Ausland zu erhalten. Auch habe ich gehört, dass gewisse Galerien, etwa in Dubai, wegen des arabisch-iranischen Konflikts nicht mit Iranern zusammenarbeiten wollen. Doch der Vorteil von Kunst ist, dass man mit solchen Problemen umgehen kann, da Kunst Herzen und Gefühle von Menschen verbindet, egal, welche Sprache sie sprechen oder welche Nationalität sie haben. Diese Erfahrungen habe ich bereits selber gemacht, unter anderem auch am WEF. Es wärmt mein Herz, wenn Kunst zu Dialogen und Verständnis führt.

„Der Westen will immer alles verwestlichen.“ Ghadyanloo in seinem Atelier.

(Eva Hirschi)

swissinfo.ch: Sie wurden dank Ihrer berühmten Wandgemälde letztes Jahr ans WEF eingeladen, um ebenfalls ein grosses Wandbild, „Finding Hope“, zu malen. Es zeigt ein Mädchen mit einem Luftballon, eine Mauer und eine Nadel. Von den Medien wurden sie daraufhin als den „iranischen Banksy“ bezeichnet.

M. G.: Ich mag diesen Vergleich mit Banksy ganz und gar nicht, obwohl mir seine oder ihre Kunst gefällt. Der Westen will immer alles verwestlichen, das geht nicht nur mir so, auch andere Künstler aus dem Nahen Osten schlagen sich mit diesem Problem herum. Dabei habe ich 2004, also vor Banksy, mit meinen Wandgemälden angefangen und ein Sujet mit Kind und Ballon bereits 2004 auf dem Araj-Platz in Teheran gemalt. Aber weil sich die mediale Berichterstattung im Iran nicht für zeitgenössische, sondern nur für religiöse Kunst interessiert, hat das kaum jemand mitbekommen – anders als bei Banksy in London.

swissinfo.ch: Zwischen 2004 und 2011 haben Sie in Teheran über 100 Wände bemalt. Damals war Ihre Kunst noch etwas ganz Neues im Iran.

M. G.: Ja, die Wandbilder waren speziell, weil sie nach der Revolution entstanden. Vorher gab es nur revolutionäre Porträts, Bilder von Märtyrern, politische Botschaften. Meine Bilder bildeten einen grossen Kontrast dazu, sie hatten eine friedliche Botschaft und sollten für die Bevölkerung wie eine Art Strassen-Museum sein, denn nicht alle haben Zeit für einen Besuch im Museum.

swissinfo.ch: Die Gemeindeverwaltung hatte Sie mit diesen Gemälden beauftragt. Waren Sie frei oder gab es Zensur? 

M. G.: Inhaltlich durfte ich zeichnen, was ich wollte. Aber da ich in diesem islamischen Land aufgewachsen bin, wusste ich, welche Grenzen es nicht zu überschreiten galt. Natürlich habe ich keine nackten Personen gezeichnet, das würde nicht gehen in einem religiösen Land. Aber sonst war ich frei. Das war noch eine goldene Zeit der Strassenkunst. Heute ist die Kontrolle strenger.

swissinfo.ch: Wie spürt man die Kontrolle? 

M. G.: Für eine Ausstellung muss man zuerst Abzüge der Bilder vorlegen. Dann wird entschieden, welche gezeigt werden können und welche nicht. Und dies für jede einzelne Ausstellung! Nicht nur für visuelle Kunst, sondern auch für Bücher etc. Aber diese Art der Einflussname in der Kunst, insbesondere der Kunst des öffentlichen Raums, geschieht auch in anderen Ländern, sogar in Amerika. Ich war einmal an einer Podiumsdiskussion in Washington mit anderen Strassenkünstlern, und die haben über das gleiche Problem geklagt. 

swissinfo.ch: Kann Kunst in so einem Umfeld überhaupt noch etwas bewirken? 

M. G.: Ich glaube ja, Kunst kann etwas ändern. Aber nicht nur von einem Künstler, es muss eine Bewegung sein. Kunst hat schon viel bewirkt, denken Sie nur schon an Amerika: Der Vietnamkrieg wurde durch Fotos vom grauenhaften Krieg und dem darauffolgenden Druck der Menschen beendet. Das zeigt aber, dass es auch Leute braucht, die die Künstler unterstützen.

swissinfo.ch: Haben Ihre Bilder solch eine politische Botschaft? 

M. G.: Meine Bilder können in verschiedenen Ländern je nach Kontext anders verstanden werden. Manche sagen, meine Kunst ist deprimierend, negativ, düster – andere empfinden sie voll von Hoffnung. Ich glaube auf jeden Fall, dass Kunst den jeweiligen Zeitgeist widerspiegelt. Wie etwa die Bewegung des Surrealismus, die in den düsteren Tagen der Gegenwartsgeschichte vor einigen Jahrzehnten entstanden ist.

Ghadyanloo-Wandbild in Teheran.

(Eva Hirschi)

swissinfo.ch: Wie sehen Sie die Zukunft des Irans? 

M. G.: Auch wenn ich weiss, dass es viele Probleme gibt mit Sanktionen, Korruption, Militarismus und so weiter, glaube ich, dass der Nahe Osten sehr kompliziert ist und man hier nicht einfach von aussen mit Panzern und Drohnen Demokratie importieren kann. Schauen wir schon nur auf die Folgen der westlichen Einflussnahme in Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien… Vielleicht liegt das Hauptproblem darin, dass der Nahe Osten zum Hinterhof des Kalten Kriegs geworden ist: Die Supermächte haben ihren Krieg hierhin verschoben, verkaufen nun ihre Waffen und befeuern zudem die religiösen Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten. Ich hoffe sehr, dass wir eines Tages in Frieden leben können – aber dafür braucht es grosse Anstrengungen. 

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