„Wir Schweizer sind alle Ausländer, nicht?“

von redaktion
Pressekonferenz

Ihr erster Tag auf der öffentlichen Bühne: Anita Hugi stellt der Presse das Programm des Festivals vor. (12.12.2019)

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Das Schaufenster des aktuellen Schweizer Filmschaffens hat eine neue Direktorin. Anita Hugi eröffnet heute die 55. Solothurner Filmtageexterner Link. Einige Tage zuvor sprachen wir mit ihr über Klischees des Schweizer Films und der Schweizer Identität.

Eine ehemalige Tankstelle an einer unscheinbaren Strasse ausserhalb der Altstadt von Solothurn. Auf dem Dach weht die Flagge der Europäischen Union. Hier befindet sich das Hauptquartier der Solothurner Filmtage. Die Kulturgarage scheint ein Dreh- und Angelpunkt des Kulturlebens zu sein. Die Stimmung im Festivalbüro ist sehr entspannt.

Anita Hugi empfängt uns nach einer ganzen Reihe von Interviews – als neue Direktorin gilt das Interesse genauso ihr wie der Filmauswahl. Mit ihrer Karriere in der Filmindustrie (und in der Independent-Szene), beim Fernsehen und kürzlich als Direktorin des International Festival of Films on Artexterner Link im kanadischen Montreal gilt sie als Kennerin der Materie. Sie hat eine ausgeprägte Meinung über den aktuellen Stand des Schweizer Filmschaffens.

Solothurner Filmtage

Die erste Ausgabe ging 1966 über die Bühne. Die Solothurner Filmtage sind eines der ältesten Filmfestivals der Schweiz und das wichtigste für die Schweizer Filmindustrie.

Anita Hugi ist erst die vierte Person auf dem Direktionsposten in diesen 55 Jahren. Sie folgte auf Seraina Rohrer, welche die Filmtage seit 2011 leitete und nun zur Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia wechselte.

Die Jury für den Hauptpreis besteht dieses Jahr aus der französisch-schweizerischen Filmemacherin Ursula Meier, der deutsch-kurdischen Künstlerin Cemile Sahin und dem Schweizer Diplomaten Mirko Manzoni, der kürzlich in Mosambik ein Friedensabkommen ausgehandelt hat.

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Schweizer Filme, globale Perspektiven

Einiges sticht aus dem diesjährigen Programm heraus: die Qualität der Filme, die im letzten Jahr in der Schweiz produziert oder koproduziert wurden; die zentrale Rolle, welche die SRG SSR (die Muttergesellschaft von swissinfo.ch) in fast jeder Koproduktion spielte; und die Globalisierung des Schweizer Films betreffend Produktion (internationale Partnerschaften), Filmemacher – viele von ihnen, vor allem die jüngeren, sind ausländischer Herkunft – und Filme, die oft im Ausland, in allen Ecken der Welt, gedreht wurden.

Hugi zeigt sich nicht überrascht über diesen internationalen Aspekt des Schweizer Films: „Wir Schweizer sind alle Ausländer, nicht?“ Mehr beeindruckt ist sie über die Anzahl der Produktionen, welche die Klimakrise und die Umwelt thematisieren, wie auch Werke mit universelleren Themen wie Familienleben, Erwachsenwerden und existentiellen Fragen.

Hugi legt nicht viel Wert auf Klischees und hält aktiv dagegen. Sie widersetzt sich der Vorstellung, dass die Schweizer keinen (oder einen sehr strengen) Sinn für Humor haben. Durch die Wahl des Eröffnungsfilms „Moskau Einfach!“externer Link von Micha Lewinsky macht sie diesen Standpunkt klar. Es ist eine fiktive Komödie über einen der skandalösesten Momente der Schweizer Geschichte: Sie dreht sich um den berüchtigten „Fichenskandal“, der zum Ende des Kalten Krieges aufgedeckt wurde.

Szene aus „Moskau Einfach!“.

(Philippe Graber ©Vinca Film)

Ein derart heikles Thema mit Humor aufzugreifen, ist nicht einfach. Der Humor aber eröffnet dem Film das Potenzial, ein viel grösseres Publikum zu erreichen und eine Bedeutung über dessen filmische Qualitäten hinaus zu erreichen.

„Moskau Einfach!“ erinnert an Rolf Lyssys Klassiker „Die Schweizermacher“externer Link, eine Komödie über Beamte der Fremdenpolizei, die italienische und osteuropäische Einwanderer bespitzelten.

Dieser kam 1978 in die Kinos, als der Gesellschaftsdiskurs von Rassismus und Intoleranz geprägt war, unter anderem wegen des umstrittenen Rechtsaussen-Politikers James Schwarzenbach. Das Publikum überspannte Generationen, der Film gilt auch heute noch als Referenz.

Die Schweizer können aber nicht nur lustig sein, sondern auch das Klischee der Ernsthaftigkeit ausspielen. Hugi betont, in Schweizer Spielfilmen sei eine besondere Qualität in der Art und Weise festzustellen, wie die Filmmacherinnen und -macher mit ihren Themen umgehen würden. Sie beobachtet eine gewisse Sorgfalt, die keine Angst davor hat, indiskrete oder unbequeme Themen anzusprechen, im Gegensatz zu der Art und Weise, wie soziale Sitten im täglichen Leben gepflegt werden.

Geschlechterparität

Virtuosin, Pionierin: Heidi Specogna

(Solothurner Filmtage, Anne Morgenstern)

Über 600 Filme, die sich für das Festival beworben haben, hat Hugi angeschaut. Ihre Auswahl umfasst 168 Werke. Darunter finden sich Retrospektiven (der Regisseurin Heidi Specognaexterner Link) und besondere Hommagen an Pionierinnen des Schweizer Films: Patricia Moraz, Christine Pascal und Paule Muret.

Übrigens: Solothurn ist stolz darauf, ein ausgeglichenes Programm praktisch im Verhältnis 50:50 zwischen Regisseurinnen und Regisseuren zu zeigen.

Das mag nur eines der Details sein, mit denen Hugi eine persönliche Note in ihrer Amtszeit zu setzen versucht. Sie zeigt sich aber sehr bescheiden, wenn sie gefragt wird, wie sie ihre eingeschlagene Richtung charakterisieren will.

„Zuerst einmal muss ich die Geschichte des Festivals sehr gut kennen. Sie steht im Zeichen des Respekts vor der Tradition. Die wichtigste Funktion eines Festivals wie Solothurn sind aber immer noch die Begegnungen, um Brücken zu bauen und dass sich die Menschen kennenlernen können.“

Sie will den Röstigraben einreissen, diese unsichtbare, unüberwindbare Grenze zwischen der deutschen und der französischen Sprachregion der Schweiz. Dies mit einer Veranstaltung, die Filmstudierende aus den drei Sprachregionen der Schweiz zusammenführt – Französisch, Deutsch und Italienisch. Zudem ist eine Debatte über die Löhne von Regisseuren und die Arbeitsbedingungen in der Filmindustrie vorgesehen.

„Voilà… das ist der Geist von Solothurn“, sagt Hugi.

(Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

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