Ein Sonnendorf will raus aus dem Schatten

von redaktion

Das kleine Dorf Quinten – nur per Schiff erreichbar – kämpft um sein Überleben. Eine örtliche Stiftung will jüngere Menschen ins Dorf bringen. Jetzt sorgt eine „Kinderprämie“ weitherum für Aufsehen. Ein Augenschein.

„Riviera der Ostschweiz“. So wird das Dorf Quintenexterner Link, ein Teil der St. Galler Gemeinde Quarten, oft genannt. Überall ist zu lesen, dass an den Abhängen der Churfirsten neben Reben auch Palmen, Feigen und Kiwis gedeihen.

Quinten und Quarten

Nein, die Namen dieser Dörfer – Terzen, Quarten und Quinten – haben nichts mit den Intervallen in der Musik zu tun. Vielmehr entstammen sie der frühmittelalterlichen Zählung namenloser Güter (dritter, vierter, fünfter Hof) durch das Bistum Chur, wie das Historische Lexikon der Schweizexterner Link schreibt und im Buch „Quinten“ zu lesen ist.

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Doch Quinten leidet unter der Krankheit der Randregionen: Überalterung. 38 Menschen leben hierexterner Link, Altersdurchschnitt 56. Ein Dorf, nur mit dem Schiff oder zu Fuss erreichbar – Quinten ist Randzone und Naherholungsgebiet in einem.

Die Sonnenseite am Nordufer des Walensees ist ein beliebtes Ausflugsziel, nur rund eine Stunde von Zürich. Wer aber in Quinten lebt, ist abhängig vom Schiffsbetrieb über den See, und sei es nur zum Einkaufen.

Also gründeten die Bewohner die Stiftung „Quinten lebt“externer Link. Deren aufsehenerregendste Aktion: Eine „Kinderprämie“ soll Familien ins Dorf locken.

Wer sich niederlässt, soll monatlich 200 Franken erhalten. Pro Kind will die Stiftung bis zum 20. Altersjahr maximal 20’000 Franken bezahlen. „Wir haben noch drei Kinder in Quinten“, sagt Stiftungspräsident Joel Schmid.

Die Lehrerin

„1960 hatte ich 23 Kinder in der Schule“, erinnert sich Marianne Giger. Die heute 83-Jährige ist eine wandelnde Dorfchronik. 1973 schliesslich sei die Schule geschlossen worden, sagt sie in ihrer Stube. Draussen zieht eine Wetterwand über den See.

Lehrerin zeigt Bild einer Schulklasse

Marianne Giger, die ehemalige Lehrerin der Dorfschule, zeigt ihre Schülerinnen und Schüler von 1960.

(Roger Wehrli)

Giger war 1959 mit 21 Jahren als junge Lehrerin gekommen – und ist geblieben. Sie heiratete den Berufsfischer Alois Giger, zog mit ihm sieben Kinder gross und bildete sich zur Gitarrenlehrerin weiter. „Die Kinderprämie wäre mit unseren Kindern teuer geworden“, lacht sie.

Das Projekt findet sie gut, betont aber: „Den Winter hier muss man durchstehen können.“ Sohn Urs, der in Deutschland als Chirurg arbeitet, macht mit seinen Kindern Ferien im Elternhaus und setzt sich dazu. „Wenn ich denke, dass Du den ganzen Winter hier allein bist. Mir würde die Decke auf den Kopf fallen.“

Man müsse gefestigt sein, eine Familie oder eine Aufgabe haben, um hier zu leben. „Und gesund sein“, so Urs. „Marianne ist im Kirchenchor, spielt Orgel in der Kirche, hilft im Sommer im Geschenklädeli aus, geht in die Reben und hilft mit, wo sie kann.“

Der Tourismus

Die Stiftung hat bereits andere Mittel eingesetzt, um eines der wenigen wirklich autofreien Dörfer der Schweiz wieder zu beleben. So etwa das Raupenhotelexterner Link – eine Anlage, in der Seidenraupen gezüchtet werden. Für die Aufzucht konnte die Stiftung drei neue Arbeitsstellen im Dorf schaffen, das sonst hauptsächlich von Rebbau und Tourismus lebt.

Besuch in der Gemeinde Quinten

Der Tourismus spielt in der gesamten Gemeinde Quartenexterner Link, die aus sieben Dörfern besteht, eine wichtige Rolle. Laut Gemeindepräsident Erich Zoller hängt jeder zweite Arbeitsplatz direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Unten der Walensee, oben Berge mit Skigebiet, alles nah bei Zürich.

„Wir zweifeln daran, ob das zielführend ist. Letztlich aber entscheidet die Stiftung selber, wie sie ihre Mittel einsetzt. Im Grundsatz unterstützt der Gemeinderat natürlich eine Belebung eines Dorfs“, kommentiert Zoller die Aktion mit der Kinderprämie.

Die Selbstversorgerin

Mitten im „Dörfli“ lebt Margrit Bärlocher. Gleich daneben entstehen derzeit zwei Wohnungen in einem leerstehenden Haus. Bereits als Kind hatte sie jedes Jahr die Sommer- und Herbstferien hier im Haus ihres Grossvaters verbracht. 1983 zog sie nach Quinten.

Frau im Laden

Margrit Bärlocher verkauft Naturprodukte.

(Roger Wehrli)

In ihrem Kellerlädeli verkauft sie Naturprodukte, alles selber im Ort angepflanzt und verarbeitet. Sie ist gerade daran, Etiketten zu schreiben für ihre Konfitürengläser und Sirupflaschen. „Von Frühling bis Herbst gibt es viel Arbeit im Garten und im Rebberg. Da bin ich froh um diesen Vorrat, den ich im Winter vorbereitet habe“, sagt sie.

„Es wäre schön, wenn das Haus wieder belebt würde und einer Familie ein Grundeinkommen bieten könnte. Bereits 1928, als meine Mutter zum ersten Mal nach Quinten kam, war es unbewohnt“, so Bärlocher. Auch sie ist nicht sicher, ob Geld das richtige Mittel ist, um junge Familien anzuziehen. „Idealismus wäre wichtiger.“ Den brauche es nämlich, weil Quinten durch seine Abgeschiedenheit ein spezieller Ort zum Leben sei.

Der Veranstalter

Etwas entfernt vom Ortskern, weiter oben – mit Seesicht selbstverständlich –, lebt Hanspeter Cadonau, 52. „Tage, an denen man nicht über den See kommt, sind die Schönsten“, sagt der Weinbauerexterner Link, der auch Wollschweine züchtet und drei Esel hält: Picasso, Maradona und Jackson.

Veranstalter am Tisch

Hanspeter Cadonau, Kulturveranstalter und Weinbauer.

(Roger Wehrli)

Der Bündner Cadonau war Tunnelbauer und kam durch Zufall hierher. Seit zehn Jahren wohnt er nun im Ort. „Hierhin zieht man nicht mit 20. Aber ich habe die Welt gesehen, überall auf den Kontinenten und in Grossstädten auf Baustellen gearbeitet. Jetzt habe ich gerne die Ruhe.“ Die Kinderprämie findet er sehr gut. „Ein Dorf ohne Kinder ist tot“, sagt er.

Cadonau trägt selber auch dazu bei, mehr Leben nach Quinten zu bringen. „Als ich hierhin kam, war das Dorf de facto tot.“ Heute organisiert er von Frühling bis Herbst Konzerte und Veranstaltungen, auf einer Freiluftbühne inmitten der Weinberge, die wie jene im Lavauxexterner Link Spitzenweine hervorbringen.

„Durch ein B&B können wir mehr Leute nach den Veranstaltungen hier behalten“, sinniert er. Ein Bed & Breakfast ist eine weitere Massnahme im Aktionsplan der Stiftung „Quinten lebt“. Zurzeit sucht sieexterner Link einen Pächter oder eine Familie und einen Koch für einen Gastrobetrieb mit Übernachtungsmöglichkeit. Stiftungspräsident Schmid hofft auf eine Familie – und drei Arbeitsplätze.

Andere Rettungsversuche

Aktionen wie jene mit der Kinderprämie und dem B&B in Quinten gab es in der Schweiz bereits in früheren Jahren. So etwa versucht das Walliser Dorf Albinen, mit Prämien von bis zu 25’000 Franken pro Person neue Bewohner anzulocken. Es scheint zu funktionieren.

Im Bündner Dorf Vnà hat eine Stiftung leerstehende Häuser zu einem dezentralen Hotel zusammengefasst. Und im Tessiner Dörfchen Monti Scìaga werden rustikale Steinhäuser für einen Schweizer Franken angeboten. Sofern sich Käufer verpflichten, ein Haus zu renovieren.

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Die Nabelschnur

Ein weiteres Projekt ist ein Solar-Wassertaxi. Denn die Abhängigkeit vom Schiffsbetrieb Walensee macht einigen im Dorf zu schaffen. So hat Urs Giger, der Chirurg auf Heimatbesuch, schon mehrmals das Flugzeug verpasst, weil das Schiff nicht rechtzeitig drüben in Murg ankam. „Was ich nicht verstehe: Die haben eine Konzession des Staats. Aber die Verbindungen für mich als Zugfahrer sind nicht gut.“

Markus Scherrer, Betriebsleiter beim Schiffsbetrieb Walensee, hält dagegen: Der 2015 eingeführte Taktfahrplan sei besonders auf die Schülerinnen und Schüler abgestimmt. „Manchmal gibt es Tage, an denen wir viele Passagiere befördern, wodurch Verspätungen entstehen können oder wir sogar zweimal fahren dürfen.“ Gemeindepräsident Zoller sagt sogar: „Quintner werden auf dem Schiff bevorzugt behandelt. Sie erhalten günstigere Bedingungen.“

Das Projekt Wassertaxi ist laut Schmid schon recht fortgeschritten. Klar ist: Es soll keinesfalls eine Konkurrenz zum bestehenden Schiffsbetrieb sein. „Es wäre ein ergänzendes Angebot. Die Schiffsbetriebe Walensee sind auch in dieser neuen juristischen Einheit mit integriert“, so Schmid.

Marianne Giger, die ehemalige Lehrerin, mag das Projekt. Aber etwas stört sie. Der Fahrplan der Schiffe passt nicht zum Fahrplan der Züge.

Die Gemeinde

Doch warum hat die Stiftung überhaupt all diese Projekte lanciert? „Die Politik lässt uns allein. Die politische Gemeinde macht nichts“, sagt Schmid. Quinten werde von der anderen Seeseite her vernachlässigt. Urs Giger doppelt nach: „Hier in Quinten leben unter anderen die steuerpotentesten Leute der ganzen Gemeinde. Ich würde gerne mal wissen, wie der Nettofinanzstrom von drüben aussieht. Für die Gemeindeverwaltung auf der anderen Seeseite ist hier No Man’s Land!“

Das lässt Gemeindepräsident Zoller nicht auf sich sitzen. Man tue viel für Quinten. Er nennt Postzustellung und Kehrichtentsorgung. Zudem habe die Gemeinde für die vielen Touristen ein öffentliches WC gebaut. „Ich könnte Ihnen noch viele Punkte aufzählen…“

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