Angelika Kauffmann – Meisterin der Selbstinszenierung

von redaktion
Gemälde

Angelika Kauffmann, Selbstbildnis mit der Büste der Minerva, um 1784, Öl auf Leinwand, 93 x 76,5 cm.

(© Bündner Kunstmuseum, Chur)

Die in Chur geborene Angelika Kauffmann galt früh als Wunderkind und wurde im 18. Jahrhundert zur europaweit gefeierten Malerin. Der Düsseldorfer Kunstpalast widmet ihr nun eine grosse Ausstellung, die sie auch als begnadete Netzwerkerin zeigt.

„Verrückt nach Angelika Kauffmann“ – im Titel der Düsseldorfer Ausstellung spiegelt sich die europaweite Begeisterung, die der Schweizer Künstlerin auf dem Höhepunkt ihres Schaffens entgegenschlug. 

Er trifft zugleich auf die Kuratorin Bettina Baumgärtel zu, räumt diese lachend ein. Seit nunmehr drei Jahrzehnten befasst sich die renommierte Expertin mit Kauffmann, deren Leben in Chur begann und in Rom endete. Dort steht ihre Büste im Pantheon neben der des Renaissance-Künstlers Raffael. 

Es ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte, hinter der Talent, Ehrgeiz und gezielte Planung stecken, erzählt Bettina Baumgärtel: „Sie hat sich selbstbewusst ihre Karriere aufgebaut und wusste genau, was sie wollte.“

„Verrückt nach Angelikaexterner Link

Die grosse Angelika Kauffmann-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalastexterner Link läuft bis zum 24. Mai 2020. Sie zeigt 100 Werke, im wesentlichen Ölgemälde, aber auch einige Zeichnungen und Druckgrafiken. Neben etlichen Porträts sind auch einige Historiengemälde zu sehen, denen Kauffmanns eigentliche Leidenschaft galt. Ein Grossteil der Werke stammt aus Privatbesitz. Auch das Bündner Kunstmuseum ihres Geburtsortes Chur hat Leihgaben beigesteuert. Das ausgestellte Porträt der Prinzessin Augusta hängt normalerweise in den Privatgemächern von Queen Elizabeth.

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1741 kam Angelika Kauffmann in Chur als Tochter einer Schweizer Hebamme und eines österreichischen Malers auf die Welt. Früh erkannte der Vater Joseph Johann Kauffmann ihre enorme Begabung. Fortan zog er sich in die zweite Reihe zurück und förderte sein Kind. 

Gemeinsam reisten die beiden durch die Schweiz, Österreich und Norditalien, wo das Mädchen an den Fürstenhöfen seine Künste präsentierte. „Angelika hatte schon als Kind und Jugendliche Aufträge auch von adeligen Familien“, erzählt Bettina Baumgärtel. Als Sechzehnjährige porträtierte sie bereits in Chur den Sohn des Schweizer Adeligen Anton von Salis Soglio.

Nach dem Tod der Mutter am Wendepunkt

Kauffmanns Schweizer Mutter Cleophea Lutz starb 1757, da war ihre Tochter gerade einmal 16 Jahre alt war. Lutz war eine gebildete Frau und hatte Angelika in Gesang und Sprachen unterrichtet, beides kam ihr ihr Leben lang zugute. „Was den Einfluss ihrer Mutter betrifft, gibt es noch Forschungsbedarf“, betont Baumgärtel. 

Erst nach dem Tod der Mutter entschied sich Angelika für die Malerei und gegen eine Karriere als Sängerin. Einige Jahrzehnte später hielt sie diesen Wendepunkt in dem bekannten „Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Musik und Malerei“ fest, das in Düsseldorf zu sehen ist.

Gemälde

Angelika Kauffmann, Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Musik und Malerei, 1794, National Trust Collections.

(©national Trust Images)

Sechs Jahre lang, von 1760 bis 1766 reisten Vater und Tochter durch Italien, wo Angelika in Galerien und Palästen die grossen Meister kopierte. Die Ausbildung an Malakademien war Frauen damals noch versagt. 

In Rom legte sie dann die Basis ihrer Karriere. 1763, da war sie erst 22, traf sie in der italienischen Metropole ein, blieb und porträtierte europäische Reisende auf deren Grand Tour durch Europa. Die Kunden nahmen ihre Bilder mit in die Heimat um sie dort als Zeichen ihrer Weltgewandtheit zur Schau zu stellen. So wurde Kauffmann auch in England bekannt.

Auch wenn gleich mehrere Länder Anspruch auf die Künstlerin erheben: die Schweiz, wegen ihrer Schweizer Mutter und ihres Geburtsortes Chur; Österreich, weil ihr Vater aus Bregenz stammte, sie dort viel Zeit verbrachte und lebenslang ihre familiären Banden pflegte; Italien, weil sie dort am längsten wirkte und in Rom starb: Kauffmann entzog sich nationalen Vereinnahmungen. „Sie hat sich selbst als in der ganzen Welt beheimatet bezeichnet“, erzählt Bettina Baumgärtel, „und verstand sich als internationale Künstlerin“.

Eine Frau vor einem Bild

Kuratorin Bettina Baumgärtel.

(Petra Krimphove)

In London zum Superstar

1766 zog sie von Rom nach London und richtete sich dort ein repräsentatives Atelier ein: Zu jener kulturellen Blütezeit wirkte dort auch Georg Friedrich Händel. Eine englische Adelige führte Kauffmann in die Gesellschaft ein. Schon bald war sie dort eine begehrte und erfolgreiche Porträtmalerin. 

„Sie hatte einen Stil in ihren Porträts, den sie gepflegt hat und der dann richtig zur Mode wurde: Ein sehr ehrlicher Gesichtsausdruck mit einem Schuss Idealisierung“, erzählt Baumgärtel. 1768 wurde Kauffmann als einzige Frau neben der zeitgleich lebenden Malerin Mary Moser zum Gründungsmitglied der Royal Academy of Arts ernannt. 

Später durfte sie für deren neues Gebäude vier grosse Deckengemälde malen, eine bemerkenswerte Anerkennung ihrer Arbeit. Diese auf Leinwand gemalten Werke werden nun in Düsseldorf erstmalig ausserhalb Englands präsentiert.

Angelika Kauffmann, Selbstbildnis mit Zeichengriffel, um 1768 Öl auf Leinwand, 60,8 x 43,4 cm Privatsammlung.

(© Privatsammlung/ Foto: Akrp, Justin Piperger)

Als „Influencerin“ und „Networkerin“ bezeichnet die Ausstellung die Künstlerin. Das sind Schlagwörter, die wohl auf ein junges Social Media-affines Publikum zielen und doch ihre Berechtigung besitzen. Denn Kauffmann wendete Strategien an, die der heutigen Instragram-Generation sehr vertraut sind. 

„Sie umgab sich mit Prominenten, die ihren sozialen Status deutlich aufwerteten“, erzählt die Kuratorin. Man konnte ihr beim Malen in ihrem Atelier zuschauen und davon stolz erzählen. Auch diese Performances mehrten ihre Bekanntheit. Kauffmann sei „ein Superstar und eine Stilikone“ gewesen. Alle wollten von ihr gemalt werden. Reproduktionen ihre Motive zierten Möbel, Porzellan und Kamine.

„Eine sehr kluge Strategie“

So entwarf sie ihre Karriere und ein Bild von sich, das es ihr erlaubte, erstaunlich unabhängig ihren Weg zu gehen. „Es war eine Zeit, in der noch diskutiert wurde, ob Frauen überhaupt bildungsfähig waren“, erinnert Baumgärtel. 

Dass Kauffmann erst mit fast 40 Jahren ihren Kollegen Antonio Zucchi heiratete, war in einer patriarchalen Gesellschaft wohl auch pragmatischen Erwägungen geschuldet. Und doch bestand sie auf ihrer Unabhängigkeit und schloss ganz gegen die Gepflogenheiten der Zeit einen Ehevertrag mit Gütertrennung ab.

Zugleich orientierte sich ihr Auftreten am gängigen Tugendideal. Kauffmann gab sich bescheiden und zurückhaltend, um nicht zu provozieren und wohl auch um ihre männlichen Konkurrenten nicht in Konkurrenz- und Abwehrdenken zu bringen. „Das war eine sehr kluge Strategie“, findet Baumgärtel.

15 Jahre lang lebte Kauffmann in London und hatte häufig Sehnsucht nach Italien. Kurz nach ihrer Heirat kehrte sie schliesslich 40-Jährig mit ihrem Mann nach Rom zurück. Dort wohnte und arbeitete sie in einem Palast oberhalb der Spanischen Treppe, beschäftigte eine Köchin, ein Zimmermädchen und zwei Diener. 

Kauffmann hatte es geschafft und war in ganz Europa bekannt. In ihrem römischen Salon gingen auch Goethe und Herder ein und aus. Letzterer nannte sie „die vielleicht kultivierteste Frau in Europa“. 

Nach ihrem Tod wurde sie mit einem pompösen Begräbnis in Rom geehrt. „Kauffmanns Ruhm ist seither nie verblasst“, sagt Baumgärtel anerkennend. Und sie wird weiter in ganz Europa geschätzt: Nach Düsseldorf wird die Ausstellung in der Royal Academy of Arts in London zu sehen sein.

Biographie

1741 wird Anne Maria Angelika Catharina Kauffmann in Chur geboren. Ihr Geburtshaus in der Reichsgasse 57 steht heute noch. Ihr Vater, der österreichische Porträt- und Freskenmaler Joseph Johann Kauffmann hatte in Chur die Schweizerin Cleophea Lutz geheiratet.

Ab 1745 erhält sie Kunstunterricht von ihrem Vater, Sprach- und Musikunterricht von der Mutter

1754-57 macht sie ihre erste Reise durch Norditalien, tritt als Sängerin an adeligen Höfen auf und erhält erste Porträtaufträge

1757 entscheidet sie sich nach dem Tod ihrer Mutter in Mailand für die Konzentration auf die Malerei

1757–1759 lebt und arbeitet sie mit dem Vater in dessen Heimat im Bregenzerwald und unternimmt von dort Auftragsreisen

1760-1766 reist sie durch Italien,

ab 1763 lebt sie in Rom. Dort malt sie 1764 das Porträt des Altertumsforschers Johann Joachim Winckelmann, das sie schlagartig berühmt macht

1766 zieht sie nach London, wo sie bis 1781 bleibt und grosses Ansehen geniesst

1781 beginnen sie und ihr Mann ihre Übersiedlung nach Rom

1782 eröffnet sie dort ein Atelier und einen Salon

1807 stirbt Angelika Kauffmann in Rom nach kurzer Krankheit

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