Zwei Tage im Atomkeller mit 27 Nachbarn und Dackelgebell

von redaktion
Blick in einen Schutzraum mit dicker Betontüre und Notausgang

Immerhin: Die dicke Betontüre müsste im nuklearen Störfall nicht hinter mir und meinen Nachbarn geschlossen werden.

(swissinfo.ch)

Im AKW Mühleberg bei Bern hat der Abbau begonnen. Bis die Brennelemente ins Zwischenlager abtransportiert werden, kann ein nuklearer Störfall noch nicht ganz ausgeschlossen werden, auch weil es sich um eine Premiere in der Schweiz handelt. Ein Szenario, das hierzulande noch nie eingetreten ist.

Risiko bleibt noch ein paar Jahre

Der Rückbau dauert 15 Jahre und kostet 3 Mrd. Franken. Das Risiko einer Kernschmelze bleibe in den ersten Jahren bestehen, doch werde das Gefahrenpotenzial rasch deutlich kleiner, sagt die Betreiberin, die BKW. Zunächst werden die Brennelemente vom Reaktor ins daneben liegende Lagerbecken verlegt. Dort kühlen sie weiter ab, bevor sie ab 2021 nach und nach ins zentrale Zwischenlager (Zwilag) im aargauischen Würenlingen transportiert werden. Bis Ende 2024 sollen alle Brennelemente im Zwilag sein, womit 98% der Radioaktivität entfernt sein werden.

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Als Bewohner eines kleinen, alten Reihenhäuschens am westlichen Stadtrand von Bern gehöre ich zu jenem Teil der Bevölkerung, der von einem nuklearen Störfall in Mühleberg unmittelbar betroffen wäre. Die Behörden sprechen von den sogenannten Zonen 1 und 2externer Link. Das sind jene im Umfeld von rund 20 Kilometern eines AKWs. Wie für alle Menschen in der Schweiz gibt es auch für mich einen Schutzraum.

Meiner liegt fünfzig Meter von meinem Wohnhaus entfernt. Ich müsste ihn mit 27 anderen Personen teilen, wenn es zu einem starken Austritt von Radioaktivität käme. Dieses Szenario haben wir Anwohner in den letzten Jahren verdrängt. Die meisten haben ihre privaten Schutzräume pragmatisch zu ganz normalen Kellerräumen umgenutzt.

Das ist legal und verständlich. Wer will sich schon ständig mit unwahrscheinlichen Katastrophen belasten. Jetzt, wo die Gefahr hier demnächst verschwindet, fällt es leichter zu fragen, wie dieser Eventualfall denn ausgesehen hätte.

Die Behörden geben bereitwillig Auskunft. Ihre Notfall-Pläne sind griffbereit und haben keinen Staub angesetzt. Im Unterschied zu manchen privaten Kellern, die im schweren nuklearen Störfall in wenigen Stunden vom privaten Stauraum zum Schutzraum mit Pritschen und Trocken-WC umgerüstet werden müssten.

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Hier also mein persönliches „Atomszenario“, basierend auf den real existierenden Schutzplänen:

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Nanu! Was bedeutet dieser Sirenenalarm? Ein Test wird bestimmt nicht mitten in der Nacht durchgeführt. Jetzt muss man das Radio ein- oder auf dem Handy Alertswiss aufschalten. Das weiss hierzulande jedes Kind.  

*BABS: Die Nationale Alarmzentraleexterner Link misst die Radioaktivität an 76 Orten des Landes alle zehn Minuten. Wenn ein Sirenenalarm ausserhalb der angekündigten Tests ertönt, bedeutet dies, dass eine Gefährdung der Bevölkerung möglich ist. In diesem Fall ist die Bevölkerung aufgefordert, Radio zu hören, die Anweisungen der Behördenexterner Link zu befolgen und die Nachbarn zu informieren.

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Auf allen Radiosendern fordern die Behörden die Bevölkerung in den Zonen 1 und 2 auf, den Aufenthalt im Keller oder Schutzraum vorzubereiten. Meine direkten Nachbarn und ich haben keinen Keller. Wir sind dem Schutzraum im Mehrfamilienhaus nebenan zugeteilt.

**BSM:  Wichtig ist, dass sich die Bevölkerung in einem solchen Fall in Gebäuden aufhält und vor Ort in einem Keller Schutz sucht.

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Man solle den Notvorrat bereitstellen, also insbesondere 9 Liter Trinkwasser, Lebensmittel, Medikamente, ein batteriebetriebenes Radio, Hygieneprodukte, Taschenlampen mit Ersatzbatterien, …und Jodtabletten, sagt der Behördensprecher am Radio.  

*BABS: Alle zehn Jahre werden im Umkreis der fünf Schweizer Kernkraftwerke Jodtabletten (Kaliumiodid 65 AApot) an die Bevölkerung verteilt.

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Im Untergeschoss dieses Mehrfamilienhauses befindet sich der Schutzraum für mich und 27 Nachbarn.

(swissinfo.ch)

Ich beherzige den Appell der Behörden, ruhig zu bleiben, die ersten Anweisungen umzusetzen und auf weitere Informationen zu warten. 

Auf einer Checkliste bei meinem Notvorrat steht zudem, man solle auch das Testament mitnehmen. Eine realistische Empfehlung, denke ich, als drei Stunden später die Sirenen erneut aufheulen. Der Störfall droht die Sicherheit der Bevölkerung in der Umgebung des Kernkraftwerks Mühleberg tatsächlich zu gefährden. Am Radio teilt die Nationale Alarmzentrale mit:

„Gehen Sie nicht mehr ins Freie. Falls Sie sich noch im Freien befinden, suchen Sie unverzüglich Schutz im nächstgelegenen Haus. Schliessen Sie Fenster und Türen. Schalten Sie alle Lüftungen und Klimaanlagen aus. Nehmen Sie die Kaliumiodid-Tabletten gemäss den Hinweisen auf der Packungsbeilage ein…“

**BABS: Bei einem Austritt von radioaktiven Stoffen wird zwischen mehreren Phasen unterschieden. Die Vorphase ist die Zeit vom Erkennen des Ereignisses bis zum Austritt von radioaktiven Stoffen in gefährdendem Ausmass. Sie kann Stunden bis Tage dauern.

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Ich ziehe eine Jacke mit Kapuze und Handschuhe an und versuche mein Gesicht mit einem durchsichtigen Tuch zu schützen. Nützt es nichts, schadet es wenigstens nicht, denke ich. Dann verlasse ich meine Wohnung und begebe mich mit vollgestopftem Koffer unverzüglich zum Eingang des 50 Meter entfernten, dreistöckigen Wohnhauses, in dem sich im Untergeschoss der mir zugeteilte Schutzraum befindet.

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Rund ein Dutzend Frauen, Männer und Kinder sind vor mir dort eingetroffen und stehen mit ihrem Gepäck ziemlich ratlos herum. Noch sind die Kellerräume mit privaten Utensilien der Mieterinnen und Mieter belegt, und die Holz-Abschrankungen links und rechts des schmalen Korridors nicht entfernt worden.

Niemand scheint zu wissen, wo der Hausverwalter bleibt, der diesen Raum räumen und ausstatten sollte. Ein Mieter erreicht ihn am Telefon in der zehn Kilometer entfernten Gemeinde Boll. Wo sich die obligatorischen Kajüten-Betten und Matratzen sowie das Trocken-WC und das Notstrom-Radio befinden, kann er aus der Ferne nicht sagen.  

**BSM: Für den Zustand der privaten Schutzräume und die Ausrüstung sind die Liegenschaftsbesitzer zuständig.

***Zivilschutzkommandant: Diese Räumeexterner Link müssen über Liegestellen und Notabort-Vorrichtungen [Trocken-WC] verfügen.

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Es herrscht ein ziemliches Durcheinander und viel Hektik. Manche telefonieren mit ihren Angehörigen oder versuchen diese zu erreichen. Eine ältere Frau wollte ihre Haustiere nicht im Stich lassen – einen Hund, zwei Katzen, zwei Kanarienvögel und eine Ratte. Der Dackel bellt ohne Unterbruch und übertönt sogar das Heulen eines Säuglings, der im Kinderwagen aus dem Schlaf gerissen wurde.

Ich verdränge die Vorstellung, bis zu zwei Tage in diesen engen Räumen mit 27 anderen Personen – darunter ein Säugling und drei weiteren Kindern – und diversen Haustieren verbringen zu müssen.

***Zivilschutzkommandant: Der Zivilschutz empfiehltexterner Link, Haustiere im Nebenraum zum Schutzraum unterzubringen.

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Ständig treffen weitere Personen ein, zum Teil mit grossen Koffern und Taschen, als ob sie in die Ferien reisen würden. Die empfohlenen 9 Liter Trinkwasser haben allerdings die wenigsten dabei.

Manche haben nach dem Sirenenalarm Leitungswasser abgefüllt in der Hoffnung, dass dieses nicht kontaminiert ist.

**BSM: Grundsätzlich könnte man Leitungswasser noch trinken.

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Einige versuchen sich mit ihren bevorzugten Nachbarn zu organisieren und von den anderen etwas abzugrenzen. „Wer hat hier das Sagen?“ fragt ein grossgewachsener Mittvierziger.

Weil seine Frage unbeantwortet bleibt, erteilt er nun selbst Anweisungen an die Adresse seiner Nachbarn: „Bewahren Sie bitte Ruhe, damit wir die Anweisungen der Behörden am Radio verstehen.“ Der Dackel und das Kleinkind gehorchen nicht.

„Ich schlage vor, dass sich die Männer im vordersten, die Familien im mittleren und die Frauen im hintersten Bereich einrichten“, sagt der selbsternannte Schutzraum-Chef, während hinter ihm vier junge Männer um Einlass bitten, die nicht hier wohnen. Es entsteht eine heftige Diskussion, ob ihnen Einlass gewährt werden soll.

**BSM: Hierzu gibt es keine rechtlichen Vorgaben oder Empfehlungen.

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Zum Glück erteilt der „Schutzraumchef ad interim“ vernünftige Weisungen, die meist anstandslos befolgt werden. Noch ordnen die meisten Schutzsuchenden ihre individuellen Bedürfnisse dem Gemeinwohl unter. Bleibt zu hoffen, dass dies anhält, bis die Wolkenphase vorüber ist.

*BABS: Bundesamt für Bevölkerungsschutzexterner Link

** Amt für Bevölkerungsschutz des Kantons Bernexterner Link

***Zivilschutzkommandant  Bern plusexterner Link

Sobald Bevölkerung, Tiere und Umwelt durcherhöhte Radioaktivitätexterner Link unmittelbar gefährdet sind, ordnet die Nationale Alarmzentraleexterner Link Sofortmassnahmen an. Sie betreibt einen Pikettdienst rund um die Uhr.

Abgesehen von relativ wenigen vor allem alten Gebäuden haben die meisten Wohnhäuser in der Schweiz einen privaten Schutzraum.

Neben 360’000 privaten Personenschutzräumenexterner Link gibt es in Gemeinden und städtischen Quartieren öffentliche Schutzräume, die im Bedarfsfall von den Behörden in Betrieb genommen und zugeteilt werden. Diese wurden gebaut, um in einer Notlage „Gestrandete“ aufnehmen zu können, die nicht rechtzeitig in ihren privaten Schutzraum gelangen könnten oder nirgends zugeteilt wären, wie zum Beispiel Geschäftsreisende oder Touristen.

Quelle: Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS)

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