Ein jemenitischer Journalist kämpft in der Schweiz für sein Land

von redaktion
Mann gestikuliert beim Sprechen

Saddam Hamed Abu Asim.

(swissinfo.ch)

In der Schweiz leben kaum Jemeniten. Der Journalist Saddam Hamed Abu Asim gehört zu den wenigen, denen die Flucht aus dem Bürgerkriegsland hierher gelungen ist. In der Schweiz darf er schreiben, was er will. Doch für dieses Leben in Sicherheit zahlt er einen hohen Preis.​​​​​​​

Saddam Hamed Abu Asim öffnet uns barfuss die Tür zu seiner hellen Altbauwohnung in Bern. Für schweizerisches Empfinden ist die Heizung stark aufgedreht. Saddam hatte uns zuvor einmal erzählt, er habe sich diese „beissende Kälte“ in der Schweiz nicht vorstellen können, bevor er hierherkam.

Das Wohnzimmer ist spärlich möbliert: Ein Sofa, ein Beistelltisch und ein niedriges Regal. Auf dem Couchtisch liegt eine Ausgabe des „Blicks“, Bücher auf Arabisch und ein Buch mit dem Titel „Wer regiert die Schweiz“.

Als wir uns gesetzt haben, ertönt aus dem Nebenzimmer ein Geräusch, eine Mischung aus Glucksen und Quietschen. Saddam springt auf und verschwindet. Kurz darauf kommt er mit einem gelben Bündel auf dem Arm zurück. „Das ist Nisma, meine kleine Prinzessin“, stellt er uns seine neugeborene Tochter vor.

Neugeborenes Kind

(swissinfo.ch)

Frau und Tochter sind die einzigen Angehörigen, die Saddam in der Schweiz hat. Seine Eltern und die sechs Geschwister sind im Jemen geblieben. „Die meisten Jemeniten verlassen ihre Heimat nicht gern“, sagt Saddam. „Wer dennoch flieht, geht in die Nachbarländer.“ Nur die ganz Reichen schaffen es bis nach Europa.

Dass Saddam hier ist, hat er seiner Arbeit als freier Journalist zu verdanken. 2015 war Saddam vom Jemen nach Saudi-Arabien geflüchtet, wo er trotz befristeter Aufenthaltsbewilligung als Journalist arbeitete. Im Dezember 2015 durfte er als Mitglied der Pressedelegation an die UNO-Friedensgespräche zum Jemen reisen, um über die Konferenz zu berichten. Diese fand bei Bielexterner Link in der Schweiz statt.

Sowohl Mitglieder der Huthi-Delegation als auch Vertreter der jemenitischen Regierung reagierten negativ auf Saddams Berichterstattung. Von beiden Kriegsparteien sei ihm klargemacht worden, dass er sich sowohl im Jemen als auch in Saudi-Arabien einem grossen Risiko aussetze, wenn er weiterhin als Journalist arbeite, erzählt Saddam. Er blieb deshalb in der Schweiz und stellte ein Asylgesuch. „Ohne die Konferenz hätte ich es nicht bis in die Schweiz geschafft“, resümiert Saddam, der sich inzwischen als Menschenrechtsaktivist bei der UNOexterner Link für den Jemen engagiert.

Grafik

(Kai Reusser / swissinfo.ch)

Eine unkonventionelle Liebe

Mehr als zwei Jahre verbrachte Saddam allein in einem Schweizer Flüchtlingszentrum, um auf den Asylbescheid zu warten. Seine Ehefrau Altaf konnte er erst anfangs 2019 im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz holen.

„Es war sehr schwer, so lange getrennt zu sein“, sagt Altaf. Und Saddam ergänzt: „Es ging länger, als wir dachten.“ Aus ein paar Monaten wurden vier Jahre.

Kennengelernt haben sich die beiden bei einer Zeitung in Sanaa. Sie war Praktikantin, er Journalist. 2014 verlobten sie sich – der Bauernsohn aus der Provinz mit der jungen BWL-Studentin aus der Hauptstadt. Das war ungewöhnlich. Ebenfalls unorthodox für den konservativen Jemen war der Umstand, dass die Familien der beiden sich nicht kannten. Doch nun sei alles in Ordnung, versichert Saddam: „Meine Mutter muss wegen einer Krebserkrankung regelmässig nach Sanaa zur ärztlichen Kontrolle, und dort besucht sie die Familie meiner Frau.“

Lachender Mann

(swissinfo.ch)

Aufgewachsen in der „Schweiz des Jemens“

Geboren ist Saddam 1980 in einem kleinen Dorf im Gouvernement Ibb. Die Region gilt als „Schweiz des Jemens“, weil sie gebirgig und dank Regenfällen grün und fruchtbar ist. Auch sonst gibt es Parallelen: Die Jemeniten gelten als ruhig und zurückhaltend – ganz wie die Schweizer. Und: Saddams Mutter hält eine Kuh und produziert aus der Milch Käse.

Landschaft

Ibb, die „Schweiz des Jemens“.

(AP Photo / Nariman El-Mofty)

Auch der Vater arbeitet als Bauer. Er liebt es, Radio zu hören und Zeitung zu lesen. So kam Saddam bereits als Kind auf seinen Berufswunsch Journalist. Er studierte in Sanaa Kommunikation und Medienwissenschaften und arbeitete einige Jahre im Jemen als Journalist.

Für eine Reportage über die jüdische Minderheit im Jemen gewannexterner Link Saddam eine Auszeichnungexterner Link. Juden im Jemen haben eine jahrtausendealte Geschichte. Bis 1950 wanderten allerdings die meisten jemenitischen Juden aus, weniger als 300externer Link lebten 2009 noch im Jemen. Doch die schiitischen Huthi-Rebellen sowie Al-Kaida bedrohten die kleine Minderheit. „Die Huthi-Rebellen sagten den Juden: Ihr müsst Muslime werden – oder gehen“, erzählt Saddam. Die Juden seien nach Sanaa geflohenexterner Link. Wir fragen ihn, ob er wisse, was in der Zwischenzeit mit den Menschen geschehen sei, die er porträtiert habe. „Ja“, sagt Saddam. „Sie sind alle nach Israel geflohen.“

Mehr Medienfreiheit unter Diktatur

Geflohen sind auch Saddams Journalisten-Kollegen. Zu gefährlich ist ihre Arbeit im Jemen. „Früher unter dem Diktator Ali Abdullah Salih gab es noch Medienfreiheit, sogar mehr als in den Nachbarländern Jemens“, sagt Saddam. Auch um die Medienvielfalt war es gut bestellt: „Es gab 80 Zeitungen und 20 TV-Stationen.“ Davon kann inzwischen keine Rede mehr sein. Laut Saddam wurde die Hälfte der Zeitungen geschlossen, viele Journalisten verhaftet.

„Mein Onkel sass zwei Monate im Gefängnis“, erzählt Saddam. Die Huthi-Rebellen fragten ihn über seinen Neffen aus, über dessen Artikel und sein Engagement bei der UNO. „Sie dachten, mein Onkel gebe mir Informationen weiter“, erklärt Saddam.

Zum ersten Mal wirkt er etwas verunsichert. Auf die Frage, ob er keine Angst habe, sagt er: „Nicht um mich, aber um meine Familie.“ Zwar herrsche in der Region, wo seine Familie lebe, im Moment kein Krieg. Aber Ibb steht unter Kontrolle der schiitischen Huthi-Rebellen – Saddams Familie ist sunnitisch. 

Schweiz – Jemen Der Krieg im Jemen und was die Schweiz damit zu tun hat

Experten sagen, die Schweiz könnte zu einer friedlichen Lösung beitragen. Kritiker bemängeln, sie gewichte ihre wirtschaftlichen Interessen höher.

Wer die Rebellen nicht bekämpfe, werde in Ruhe gelassen. Seine Mutter bitte ihn regelmässig darum, ruhig zu sein, aber er müsse trotzdem weitermachen. „Wenn du Journalist bist, kannst du nicht anders“, erklärt Saddam mit fester Stimme. Er habe sein Heimatland nicht vergessen und versuche, etwas für die Armen im Jemen zu tun.

Grosse Hoffnungen in die Tochter

Weiterhin als Journalist arbeiten zu können, ist Saddams grosser Traum. Entweder als Korrespondent für arabische Zeitungen oder auf Deutsch für Schweizer Medien.

Die junge Familie lebt derzeit von Sozialhilfe. Saddam hat Angst, dass die Behörden ihm Druck machen, irgendeinen Job anzunehmen, sei es Putzen oder in einem Restaurant aushelfen. „In der Schweiz geht es immer ums Arbeiten“, sagt Saddam. Das stresse ihn manchmal, denn er möchte lieber an seinem Traumberuf Journalist festhalten. Soeben hat er sich aber bei einer NGO für eine Arbeit mit Migranten beworben. Und im Rahmen von „Multaka – Geflüchtete zeigen das Museumexterner Link“ macht er Führungen im Bernischen Historischen Museum. Auch eine Arbeit als Dolmetscher könnte er sich vorstellen.

Hat Altaf auch Träume für ihr Leben in der Schweiz? Sie lacht und sagt: „Eigentlich träume ich davon, in den Jemen zurückkehren zu können.“ Sie hat hier keine Verwandten und kaum Freunde. Zwar hat sie sich im Asylzentrum mit einer Tibeterin und einer Türkin angefreundet. Aber Altaf spricht nur wenig Englisch und noch fast kein Deutsch, das macht es schwierig. In der Schweiz leben sehr wenige Jemeniten. In den Jahren 2009 bis 2019 stellten im Schnitt rund 50 Jemeniten pro Jahr ein Asylgesuch in der Schweiz. Rund die Hälfte der Gesuche wird bewilligt.

Mann mit Baby

(swissinfo.ch)

Altaf hat Heimweh und leidet darunter, dass sie ihre Familie im Jemen nicht besuchen darf. Ihre Eltern sind bereits betagt. Die 29-Jährige vermisst auch das jemenitische Essen. Mit Fondue und Raclette wurde sie gar nicht warm, das verstehen wir auch ohne Dolmetscherin: Mit der Hand macht sie eine Geste, als ob sie erbrechen würde. Als sie das Gericht probiert hat, war sie schwanger und entsprechend empfindlich auf Gerüche. Und stinken tun sie ja, die traditionellen Schweizer Käsegerichte.

Altaf möchte Deutsch lernen. Auch um ihr Studium wiederaufnehmen zu können. Die beiden setzen grosse Hoffnungen in die Tochter Nisma – die laut Saddam das einzige Kind bleiben soll. „Nisma soll eine gute Schule und Ausbildung besuchen können“, sagt Altaf. „Inschallah.“ Sie hofft, dass die Tochter „wie die Schweizer und Schweizerinnen drei Sprachen sprechen wird“.

Das Paar blickt pessimistisch auf die Zukunft Jemens. „Auch vor dem Krieg hatte Jemen Probleme“, sagt Saddam. „Es war nie ruhig.“ Hoffnung, dass es bald besser werden könnte, haben die beiden keine.

swissinfo.ch

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