200 Jahre Dienst für benachteiligte Schweizer in Frankreich

von redaktion
Hôpital Suisse de Paris

Die Helvetische Wohltätigkeitsgesellschaft hat ihre Büros im Hôpital Suisse de Paris.

(Hôpital Suisse de Paris)

Während die Schweizer Gemeinschaft in Frankreich im Vergleich zu früher immer mehr auseinanderdriftet, sucht die „Société helvétique“ ihren Platz. Mit ihrer beeindruckenden Geschichte findet man diese Institution heute da, wo Schweizerinnen und Schweizer in Frankreich Hilfe brauchen.

Unter den 200’000 in Frankreich lebenden Schweizerinnen und Schweizern können sich nicht alle zu den Grossgrundbesitzern, den wohlhabenden Auswanderern oder den gut bezahlten Grenzgängern zählen. Sie gehören zu den Schweizern, die sich in Frankreich in einer harten, finanziellen Realität wiederfinden.

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„Es gibt Menschen, die alles versucht haben, um über die Runden zu kommen, sich aber dennoch in einer Sackgasse befinden. Arbeitslosigkeit, geringe Rente oder Schulden treiben sie in ihre Situation“, so beschreibt die „Société helvétique de Bienfaisance“externer Link („Helvetische Wohltätigkeitsgesellschaft“, kurz „SHB“) die Ausgangslage dieser Auswanderer auf ihrer Webseite.

Madeleine Boulanger vor den Büchern ihres Vaters Maurice Zermatten.

(swissinfo.ch)

Diese bemerkenswerte Institution feiert nächstes Jahr ihr zweihundertjähriges Bestehen. In ihren besten Tagen fanden die Generalversammlungen der „SHB“ prestigeträchtig in der evangelischen Kirche des Louvre statt, im „Temple de l’Oratoire“.

Heute sind die Räumlichkeiten bescheidener: Madeleine Boulanger, Präsidentin der „SHB“ und ihre freiwilligen Helfer halten ihre Sitzungen in ihrem kleinen Büro des Schweizer Krankenhauses des Pariser Stadtteils Issy-les-Moulineaux, dessen einziger Schweizbezug heute nur noch der Name ist: Hôpital Suisse de Paris. Von dort aus versuchen sie, eine wohltätige Gemeinschaft wiederzubeleben.

„Die meisten Menschen heute sind vom Leben so eingebunden, dass es sich als schwierig erweist, sie für neue Aufgaben zu begeistern“, seufzt Boulanger. Und dennoch ist die Zahl der Spenderinnen und Spender in den letzten Monaten von 220 auf 300 angestiegen. Ein grosser Erfolg für das Team. Die Zahl heute liegt weit entfernt von den 4000 Spendenden während der Nachkriegszeit oder der noch immerhin 1000 Ende des 20. Jahrhunderts.

Doch nicht nur die Gönnerzahlen haben sich während der letzten Jahre verändert, sondern auch die Lebensweisen der Schweizer in Frankreich: Schweizer bleiben heute seltener unter ihresgleichen als früher, und mit dieser Veränderung sind auch die Schweizer Orte der Begegnung rarer geworden. Die Schweizer verschmelzen heute vermehrt mit der Französischen Gesellschaft.

Stipendien für Studierende

Trotz dieser Verschmelzung bleiben gewisse Bedürfnisse dieser Auslandschweizer bestehen. Die Sozialdienstleistungen der Schweizer Botschaft in Paris wurden vor zehn Jahren jedoch geschlossen. Auch die Schliessungen von Konsulaten führen dazu, dass die Schweizer Botschaft immer öfter auf die „SHB“ verweist, vor allem in Bezug auf Sozialhilfe.

„Älteren Bürgern mit sehr geringen finanziellen Mitteln greifen wir mit einem kleinen Betrag unter die Arme“, sagt Boulanger. „Wir statten einzelnen Menschen auch Besuche ab, zum Beispiel denen, die in abgelegenen Regionen isoliert leben. Und wir helfen Schweizerinnen und Schweizern bei der Jobsuche.“ Im Krankenhaus von Issy betreibt die „SHB“ zudem eine Bibliothek und stellt den Patienten des Krankenhauses so Bücher zur Verfügung.

Und die 200-jährige Institution erneuert sich, indem sie neue Hilfen anbietet. Gelder für Schweizer Studierende, die sich keine städtische Unterkunft leisten können. Und Finanzierungen für Schweizer Schüler, die einen Sprachaufenthalt in einer internationalen Schule in Paris oder Dijon besuchen möchten.

„Älteren Bürgern mit sehr geringen finanziellen Mitteln greifen wir mit einem kleinen Betrag unter die Arme. Wir statten einzelnen Menschen auch Besuche ab, zum Beispiel denen, die in abgelegenen Regionen isoliert leben.“

Madeleine Boulanger, Präsidentin „SHB“

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Im Rahmen dieser Modernisierung hat sich die Organisation auch Gedanken zu ihrem eigenen Erscheinungsbild und den dazugehörigen Namen gemacht. „Helvetische Wohltätigkeitsgesellschaft“… Der Name wirkt altmodisch. Helvetisch? Warum nicht einfach Schweizerisch? Oder etwas mit „Nächstenliebe“?

„Altmodisch“, sagt Boulanger „Viele Präsidenten wollten die ‚SHB‘ neu benennen, zum Beispiel in ‚Schweizer Solidaritätsvereinigung‘. Aber die Generalversammlung hatte dies abgelehnt. Sie hält am bestehenden Namen fest, den es schon seit 200 Jahren gibt, was ich auch verstehen kann.“

Auch in Bezug auf das Gebet stellt sich eine ähnliche Frage: Die Vorstandssitzungen wurden bis anhin eröffnet mit „O Gott, der Allmächtige! Erhabener Beschützer unseres Heimatlandes! Wir verneigen uns vor Dir und danken Dir, dass Du uns mit Arbeit gesegnet hast“. Anstelle dieses Verzichts hat man sich der gewichtigsten Formulierungen entledigt.

Vier grosszügige Studenten

Dank der säuberlich geführten Archive der „SHB“, ist ein umfänglicher Einblick in die Vergangenheit der Organisation möglich. Ende 1820 wurde sie ins Leben gerufen, initiiert von vier in Paris lebenden Schweizer Studenten: Louis Jaquet, François Eggly, Jacques-Julien Dubochet, der später Balzac verlegte, und Rodolphe Töpffer aus Genf.

Die ersten hundert Franken gingen damals an einen armen Mann, der „gehüllt in den Lumpen des Elends“ auftrat. Das Komitee vergass jedoch „sich zu vergewissern, ob es sich bei dem Herrn tatsächlich um einen Schweizer hielt“, so die Worte eines etwas beschämten Dubochet, dreissig Jahre nach dieser Begegnung.

Die Schweizerische Wohltätigkeitsgesellschaft nahm in der wachsenden Schweizer Gemeinschaft in Frankreich damals rasch eine zentrale Rolle ein. Vorsitzender der Organisation war damals ein Mann, der die französisch-schweizerische Verbindung besser verkörperte, als jeder andere: Philipp-Albert Stamper, der unter Napoleon Minister für Kunst und Wissenschaft, dann Minister für religiöse Angelegenheiten war und seine Karriere schliesslich mit dem Titel „Schweizer Minister“ in Paris (heute „Botschafter“) krönte.

Philipp-Albert Stapfer, erster Präsident der SHB.

(Eth-bibliothek Zürich, Bildarchiv )

Auch während der Cholera-Epidemie von 1830, der Revolution von 1848 oder dem Krieg von 1870/71 blieb die „SHB“ nicht von Arbeit verschont. 1866 wurde ein Schweizer Altersheim eingerichtet, das während des französisch-preussischen Krieges rund 14’000 Menschen half.

Dies war auch gleichzeitig das „goldene Zeitalter“ der „Schweizer Kolonie“ in Paris, das bis in die Zwischenkriegszeit andauerte. Es war das Zeitalter der Bälle und der Bankette, die viel Geld einspielten. Und es war auch die Zeit, in der die Schweizer ebenfalls auf den Geschmack der „Couture“-Mode kamen.

Kantonale Ungleichheiten

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts beteiligten sich die Kantone an der Finanzierung der „SHB“. Als Folge mussten „Bürger von ärmeren und weniger grosszügigen Kantonen schwerere Umstände in Kauf nehmen, als Bürger reicherer Kantone“. 1963 wurde diese Tatsache vom Vorsitz der Organisation als „schockierende Ungleichheit“ bezeichnet. Wäre eine solche kantonale Mitfinanzierung heute nicht die Lösung des finanziellen Problems?

Im „SHB“-Archiv sind auch Äusserungen zu finden, die Madeleine Boulanger, die Tochter des Schriftstellers Maurice Zermatten, zwar schockieren, die sie aber nicht streichen lassen will.

1978 organisierte die „SHB“ in Frankreich Sprachkurse für junge Schweizerinnen und Schweizer mit beschränkten finanziellen Mitteln. Der Bericht lautete wie folgt: „Einmal mehr mussten wir die merkwürdige Anziehungskraft beklagen, die exotische Jungen auf die Fantasie und die Herzen unserer jungen Landsleute ausüben; einige Abenteuer dieser Art mit arabischen Studenten haben ernsthafte Probleme verursacht, die glücklicherweise gelöst werden konnten. (…) Unsere Mitarbeiterin hat unsere jungen Schweizerinnen vor solchen Freundschaften gewarnt: In der Tat sind die Mentalität und die Moral in den afrikanischen Ländern so anders als bei uns, dass eine Verbindung meist in einer Tragödie endet.“

Unter dem Titel Rassismus mokierte sich die Satirezeitung „Le Canard enchaîné“ und schrieb zu diesem Thema in einem Artikel: „Ah, diese Ausländer. Die kommen, um unsere Einwanderer zu vernaschen.“

Um die Jahrtausendwende war die „SHB“ fast verschwunden, bevor sie wieder einen Aufschwung erfuhr. Boulanger erstellte die Website. Das nächste Unterstützungskonzert findet am 12. Mai in der Schweizer Botschaft in Paris statt. Zwanzig Freiwillige sind in ganz Frankreich unterwegs, um Schweizerinnen und Schweizer zu unterstützen.

Eine zentrale Position

1821: Gründung „Helvetische Wohltätigkeitsgesellschaft“

1825: Die „SHB“ spendet 5661 Franken.

1871: In der Folge des französisch-preussischen Krieges entsendet die Schweiz zwei Kommissare, um einen Schlussstrich unter der Situation zu ziehen. Sie stützen sich dabei auf die „SHB“ und „Gegenseitige Schweizer Hilfe“, die von 23 Kantonen qualifiziert wurden. Die Kantone überweisen 50‘000 Franken, mit denen es ermöglich wird, 14‘000 Menschen zu helfen.

1875: Die Gesellschaft zählt 500 private Spender.

1939: Der Bund und die Kantone subventionieren die „SHB“, die weiterhin auf private Spender angewiesen ist. Heute kommt die Unterstützung nur noch aus Bern.

2021: Zweihundertjähriges Jubiläum.

(Quelle: SHB)

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