„Kinder können mit Fremdheitserfahrung sehr gut umgehen“

von redaktion

Kinder- und Jugendliteratur auf Deutsch stammt überwiegend aus westlichen Ländern. Eine Nichtregierungsorganisation will dies ändern und publiziert in der Schweiz übersetzte Werke unter dem Slogan „Created in the World, Published in Switzerland“.

Alles begann 1975: Die Nichtregierungsorganisation „Erklärung von Bernexterner Link“ (heute Public Eye) gründete eine Arbeitsgruppe zur Kinderliteratur. Ziel war es, zu untersuchen, welche Bilder über die „Dritte Welt“ die damals erhältlichen Kinderbücher vermittelten.

„Das war eine ganz andere Zeit“, sagt Sonja Mathesonexterner Link, Geschäftsleiterin von Baobab Books. „Die Kinderliteratur war voller Stereotype über Indianer und Afrikaner, denken Sie nur an Tim und Struppi im Kongo oder Globi bei den Indianern.“

Aus der Arbeitsgruppe entwickelte sich ein Projekt, das jährlich ein Empfehlungsverzeichnis herausgibt und heute den Namen Kolibriexterner Link trägt. Freiwillige Leserinnen und Leser prüfen Neuerscheinungen und wählen jene Bücher, die Kindern und Jugendlichen eine offene Begegnung mit anderen Kulturen ermöglichen und Aspekte der kulturellen Vielfalt differenziert aufzeigen.

(Baobab Books)

Ausländische Autoren direkt auf Deutsch publizieren

„Im Laufe der 1980er-Jahre veränderte sich der Buchmarkt“, erzählt Matheson. Begriffe wie „Negerkönig“, tanzende Indianer oder rassistische Illustrationen sind in Kinderbüchern seither undenkbar.

„Was in der Kinder- und Jugendliteratur aber weiterhin fehlte, waren authentische Stimmen aus dem Süden,“ sagt Matheson. Nebst deutschen Originalen seien bei den Kinder- und Jugendbüchern noch Übersetzungen aus Europa und den USA erhältlich gewesen, alle anderen Weltregionen waren jedoch nicht vertreten.

Das wollte die kleine Non-Profit-Organisation, die inzwischen von der „Erklärung von Bern“ unabhängig ist, ändern. Unter dem Namen Baobab Books nahm sie eine eigene verlegerische Tätigkeit auf.

Wei Tang, Im Garten von Oma Apo. Ein Bilderbuch aus China.

(Baobab Books)

Zunächst suchte die NGO auf internationalen Buchmessen und über informelle Kontakte nach Autoren und Autorinnen, die sie ins Deutsche übersetzte. Inzwischen tritt sie mit Autoren direkt in Kontakt und regt Bücher an, statt nur bestehende Publikationen zu übersetzen. „Es gibt Länder, in denen der Buchmarkt nicht spielt“, erklärt Matheson. „Daher ist es ergiebiger, die Autoren direkt auf Deutsch zu publizieren.“

Auf diese Weise kommt es zu circa vier Publikationen pro Jahr von Autorinnen und Autoren aus Asien, Lateinamerika und Afrika. Auch Stimmen europäischer Minderheitenkulturen werden in das Programm aufgenommen, zum Beispiel eine Erzählung aus dem norwegischen Samenlandexterner Link. Bis heute sind fast 90 Titel aus 35 Ländern erschienen und in den letzten 15 Jahren mehr als 100’000 Bücher über den Ladentisch gegangen. Die Verkaufszahlen haben sie bei rund 10’000 verkauften Exemplaren pro Jahr eingependelt. „Bei nur 4 Neuerscheinungen pro Jahr ein beachtlicher Wert“, meint Matheson.

Zweisprachige Bücher erleichtern Integration

Baobab Books ist auch bei der Verlagstätigkeit eine Non-Profit-Organisation, wie Matheson betont. So hat die NPO denn auch die Jubiläumsausgabe „Ein neues Kapitelexterner Link„, in dem zehn Autorinnen und Illustratoren vom eigenen Ankommen in einem neuen Land erzählen, an Schulen und Bibliotheken verschenkt.

( / Jürg Schönenberger)

Weil viele Lehrpersonen rückmeldeten, die in Kolibri empfohlenen Bücher aus Zeitmangel nicht mit den Kindern lesen zu können, entwickelte die NGO das Projekt BuchBesuchexterner Link. Dabei kommen Leseanimatorinnen für eine Doppellektion in die Schule.

+ Lesen Sie die Reportage über einen BuchBesuch

„Wir bieten ein ganzes Modul an und unterstützen damit die Lehrpersonen“, sagt Matheson. Auf Sekundarstufe sind es Jugendliche selbst, die an die Schulen gehen. Ein „Peer-to-Peer-Ansatz“, wie es Matheson nennt. Das Buch bleibt am Ende der Lektion als Geschenk in der Klasse. Laut Matheson ist das Interesse der Schulen an diesem vorbereiteten Package gross.

Ebenfalls eine grosse Nachfrage stellt Matheson bei den zweisprachigen Büchernexterner Link von Baobab Books fest. „Diese Bücher sind für Migranten in der Schweiz eine Brücke zur deutschen Sprache“, erklärt sie.

Ist Literatur kulturell geprägt?

Welche Themen prägen die aktuelle deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur? Laut Matheson gab es in den letzten Jahren viele Fluchtgeschichten sowie Bücher über den Islam, das Kopftuch oder über Migration und Identität im Allgemeinen. „Kinderliteratur ist stets ein Spiegel der Gesellschaft“, erklärt sie.

Wer die Bücher von Baobab durchblättert, merkt schnell, dass sie ganz anders sind als herkömmliche Bücher in Schweizer Buchhandlungen. Ist Literatur also stark kulturell geprägt? Und lässt sich in der Schweiz alles verkaufen oder entsprechen manche Dinge nicht dem hiesigen Geschmack?

„Es gibt Bücher, die hier wohl schlicht nicht verstanden würden“, räumt Matheson ein. „Und schon nur zwischen französischer oder deutscher Kinderliteratur lassen sich Unterschiede feststellen.“ Auch darüber, was literarische Qualität sei, bestünden je nach Land unterschiedliche Vorstellungen.

Doch die wahren Kunden von Baobab Books, nämlich die Kinder, die haben selten Mühe mit der Andersartigkeit der Bücher. „Kinder können mit Fremdheitserfahrung in der Regel sehr gut umgehen“, erklärt Matheson.

Baobab Books

Baobab Books ist eine Fachstelle zur Förderung der kulturellen Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur. Sie ist als gemeinnütziger Verein organisiert und wird durch private Spenden, Mitgliederbeiträge sowie Projekt- und Programmbeiträge finanziert. Zu den Beitraggebern gehören unter anderem terre des hommes schweiz, die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), das Bundesamt für Kultur, die evangelisch-reformierte Gesamtkirchgemeinde Bern, die Sulger-Stifung, Swissaid und Fastenopfer.

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