Der Coronavirus-Crash gibt einer alten Idee neuen Schwung

von redaktion
Geld fliegt aus der Luft in eine Menschenmenge

(© Keystone / Ennio Leanza)

Die Wertpapierkäufe der Notenbanken führten zu immer neuen Höchstständen an den Börsen. Der Coronavirus-Crash von Ende Februar hat gezeigt: Das kann sich schnell ändern. Namhafte Ökonomen warnen vor einer erneuten Finanzkrise. Eine Idee aus den 1960er-Jahren schafft Abhilfe für die Zukunft.

Lassen Sie uns auf den Estrich steigen. Die Lampe flackert, es ist etwas staubig und kühl. Unsere Siebensachen haben wir lange nicht gesehen. Es sind Schätze aus der Vergangenheit, aufbewahrt für den richtigen Zeitpunkt. Das Buch finden wir hinter der Campingausrüstung. Das Papier ist vergilbt, der Autor – ein Nobelpreisträger – längst tot.

Wir schlagen eine Seite auf und lesen das Wort „Helikoptergeld“. Der Text verrät uns, dass damit Geldscheine gemeint sind, die im Auftrag der Notenbank von einem Helikopter über uns Bürgerinnen und Bürgern abgeworfen werden. Veröffentlicht wurde der Text 1969, im Jahr der Mondlandung. Am Seitenrand steht ein grosses „?“, das ich einst bei der Lektüre mit Bleistift hingekritzelt hatte.

Die Schlagzeilen von heute machen den alten Schinken wieder aktuell: „Eine Krise von neuer Dimension ist möglich“, warnt etwa Otmar Issing, der ehemalige Chefökonom der Europäischen Zentralbank, in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Der grösste Crash aller Zeiten“ stehe an, schreibt der Autor eines Spiegel-Bestsellers. Der „Blick“ berichtet, dass der Corona-Virus zu „Panik an der Wall-Street“ führte.

Im Kern seien für die Instabilität an den Finanzmärkten aber die Notenbanken verantwortlich. Deren „äusserst expansive“ Geldpolitik sei gefährlich, diagnostiziert ein Wirtschaftsprofessor der Universität Bern in der Neuen Zürcher Zeitung. Wie kommt er zu diesem Schluss?

Run auf Aktien

Um das zu verstehen, müssen wir die Zeit etwas zurückdrehen. Während der Finanzkrise von 2008/2009 merkten die Währungshüter, dass ihre Zinssenkungen nicht ausreichten, um die Wirtschaftslage zu stabilisieren. Die Notenbanken begannen deshalb, im grossen Stil Wertpapiere zu kaufen. Quantitative easing (QE) war geboren.

Umgerechnet in Schweizer Franken flossen so weltweit Billionen von neu geschaffenem Geld an die Banken. Damit fingen diese an, ein Spiel zu spielen: Das „Rendite-Fangis“. Die Banken versuchten sich gegenseitig die attraktivsten Anlagen abzuluchsen. Dadurch stieg die Nachfrage nach Aktien und Anleihen – und damit auch deren Preise.

Profitiert davon haben diejenigen, die Aktien und Anleihen besassen. Ich gehörte nicht dazu.

Erhöhtes Risiko

Als die Notenbanken Negativzinsen einführten, wurde das „Rendite-Fangis“ nicht mehr länger auf der übersichtlichen Waldlichtung gespielt, sondern in der Nähe von reissenden Bergbächen und steilen Abhängen. Das ist riskant. Kollabiert nämlich eine Bank, steht potenziell erneut das ganze Bankensystem am Abgrund. Diese Gefahr ist vor allem dann gross, wenn sich die Wertpapierpreise stark nach unten korrigieren.

Können die Notenbanken etwas gegen das unheilvolle „Rendite-Fangis“ tun? Der Autor vom Estrich hatte eine Idee. Er fragte sich, ob Geld zwingend über die Banken in den Umlauf gebracht werden muss. Die Antwort ist nein.

Neu geschaffenes Geld kann nämlich auch direkt an die Leute verteilt werden. Als Geschenk, weil nicht jeder etwas hat, dass er oder sie an die Notenbank verkaufen kann (an meinem Bügeleisen ist die Nationalbank bestimmt nicht interessiert!).

(© Keystone / Ennio Leanza)

Hätte die Schweizerische Nationalbank (SNB) das seit 2008 neu geschaffene Geld gleichmässig auf die in der Schweiz wohnhaften Menschen verteilt, wären wir alle um sagenhafte 62’000 Franken (!) reicher. Die britische Ökonomin Frances Coppola nennt das deshalb ein people’s QE.

Zahlreiche Möglichkeiten

An praktischen Vorschlägen zur Umsetzung von people’s QE mangelt es nicht. In der Schweiz könnte das neu geschaffene Geld beispielsweise über eine Reduktion der obligatorischen Krankenkassenprämien verteilt werden.

Alternativ könnte das Geld auch in den Bundeshaushalt fliessen. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier könnten dann entscheiden, wem das Geld zugutekommen soll. Genau gleich könnte people’s QE auch in den USA und in Japan umgesetzt werden.

Zu gut, um wahr zu sein? Vielleicht helfen Ihnen einige bekannte Namen dabei, den Vorschlag einzuordnen. Der Gedankenanstoss stammt vom Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman. Er ist der Autor des Buches aus dem Estrich und eine Ikone der Wirtschaftsliberalen. Auch die Vollgeld-Initianten, mehrheitlich aus dem politisch linken Lager, forderten eine «Bürgerdividende» von der Nationalbank. Ebenfalls unterstützt wird der Vorschlag von ehemaligen Top-Notenbankern wie Philipp Hildebrand (SNB) und Stanley Fischer (US-Notenbank Fed).

Kleineres Risiko

Geld an die Leute, statt Geld an die Banken: Mit einem people’s QE gäbe es kein bedrohliches „Rendite-Fangis“ der Banken mehr. Statt einer höheren Nachfrage nach Aktien und Anleihen stiege die Nachfrage nach Staubsaugern und Velos. Börsenstütze wie in den letzen Wochen gäbe es so nicht mehr.

Aus dem Estrich habe ich das Buch mit hinunter genommen in die warme Stube. Vielleicht ist die Zeit gekommen, Milton Friedmans Gedankenexperiment „Helikoptergeld“ in die Realität umzusetzen. Damit ich nicht vergesse, was das Wort bedeutet, notiere ich am Seitenrand: „Bundesplatz statt Paradeplatz!“

Entwicklung SMI

Grafik: Entwicklung des SMI-Indexes

Weiterführende Literatur: Friedman, Milton (1969), The Optimum Quantity of Money, London: MacMillan.

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Der Autor Fabio Canetgexterner Link doktoriert an der Universität Bern und arbeitet am Studienzentrum Gerzensee. Mit Unterstützung von Fabio Nay und Selina Schmid.

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