Kosovarische Filmemacher setzen Fokus auf bessere Zukunft

von redaktion
Kinder bei einer Filmvorführung unter freiem Himmel

Bildung oder Unterhaltung? Beides!

(Dokufest)

Filmemacher im Balkanstaat Kosovo inspirieren die dortige Jugend und verhelfen ihr zu mehr Handlungsspielraum. Deshalb erhalten sie Unterstützung aus der Schweiz.

2008 erklärte Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien. Nach dem verheerenden Bürgerkrieg 1999 und Jahren der Vernachlässigung davor als Teil von Jugoslawiens Hinterland, baut sich der kleine Balkanstaat langsam wieder auf. Die Einkommen nehmen zwar zu, doch Kosovo bleibt das drittärmste Land Europas. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 60%.

Es erstaunt deshalb kaum, dass viele junge Menschen auf der Suche nach Arbeit das Land verlassen. Ende 2018 lebten laut offizieller Statistik mehr als 111’000 Kosovarinnen und Kosovaren in der Schweiz. Es gibt aber auch viele, die den Trend umkehren und junge Menschen motivieren möchten, zu bleiben und zu helfen, die Dinge im eigenen Land zu verbessern. Darunter sind auch kosovarische Filmemacher.

Wo ist „zu Hause“?

Der unabhängige Filmemacher Ilir Hasanaj ist der Sohn eines politischen Aktivisten, der in die Schweiz floh, als Ilir erst sieben Jahre alt war. Der Filmer wuchs in Winterthur auf und schloss 2015 die Zürcher Hochschule der Künste ab. Bereits 2012 reiste er nach Kosovo, um dort einen Film zu drehen – und entschied sich, zu bleiben.

Hasanaj war Teil von „Termokiss“externer Link in der Hauptstadt Pristinaexterner Link, einer Gemeinschaft junger Aktivistinnen und Aktivisten, die sich 2016 zusammentaten. Sie besetzten ein verlassenes Gebäude und verwandelten es in einen funktionalen Gemeinschaftsraum, wobei das Geld für die Renovierung durch Konzerte beschafft wurde. Hasanaj gründete in diesem Kulturzentrum einen Filmclub und ist überzeugt, dass Kosovo ihm neue Inspiration gegeben hat.

Dokufest: Kino zu den Menschen bringen

Hasanaj gehört zu einer Welle von Filmemachern in Kosovo, die sich mit sozialen Fragen, Umweltproblemen und damit befassen, jungen Menschen eine Stimme zu geben. Das alljährliche Dokufestexterner Link in der hübschen mittelalterlichen Stadt Prizrenexterner Link im Südwesten bietet ihnen eine Plattform dafür.

2002 starteten einige Freiwillige das Festival mit fast keinem Geld und einigen wenigen Filmen. In der Ausgabe 2019 wurden neben Musikveranstaltungen und Kunstausstellungen 280 Filme gezeigt. Als swissinfo.ch vor Ort war, waren die Hotels voll ausgebucht und die Bars und Restaurants vollbesetzt mit Gästen aus dem In- und Ausland.

Das Dokufest hat das ehrgeizige Ziel, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Dessen Projekt „Cinema at Your Door“externer Link bringt den Film zu den Menschen: Es ist ein fahrendes, solarbetriebenes Pop-Up-Kino, das in Städten und Dörfern Halt macht. Die gezeigten Filme konzentrieren sich auf Fragen der Demokratie und der Menschenrechte, der Ökologie und der Erhaltung des kulturellen Erbes.

Solarbetriebenes Wanderkino in einem Vorort

Das solarbetriebene Wanderkino des Dokufests bringt Kindern die Menschenrechte näher.

(Dokufest)

Das Schweizer Aussendepartement unterstützt Filme und kulturelle Veranstaltungen in Kosovo, weil es davon ausgeht, dass diese den Wandel erleichtern, bei der Bekämpfung der Armut helfen, Konflikte verhindern oder lösen und zu einer guten Regierungsführung, Meinungsfreiheit und Demokratisierung beitragen können.

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Ein grüner Touch

Das Programmbüro des Dokufests, Dokulabexterner Link, entwickelt Online-Lehrmittel, um Schulkindern komplexe Sachverhalte zu erklären und die soziale Entwicklung zu fördern. Ausserdem bildet das Büro junge Filmemacher in Workshops und Camps aus.

Kürzlich organisierte Dokulab eine Wanderkino-Veranstaltung mit Dokumentarfilmen über die Entwicklung städtischer Räume auf der ganzen Welt, ob gelungen oder nicht. Die Filmemacher nahmen an den Filmvorführungen teil und diskutierten anschliessend mit ihrem Publikum über Entwicklungsfragen.

„Jene Gebiete, die wir ohne einen soliden Plan verstädtern, beeinflussen den Klimawandel“, sagt Eroll Bilibani, Leiter des Dokulab. „Wir wollten unsere Bürgermeister und führenden Vertreter der Zivilgesellschaft zum Handeln inspirieren. Bürgermeister können Radwege bereitstellen, sie können mehr Grünflächen schaffen.“

Eroll Bilibani, head of Dokulabs

Eroll Bilibani möchte, dass junge Menschen „aktive Agenten für den sozialen Wandel“ sind.

(swissinfo.ch)

2019 unterstützte die Schweiz das Dokufest mit einem Beitrag von 30’000 Euro (32’000 Franken). „Die Organisation ist zu einem der wichtigsten Katalysatoren geworden, wenn es darum geht, wichtige soziale Fragen durch Kunst, Dokumentarfilme und Fotografie anzugehen. Sie organisiert Debatten zu Themen wie den Krieg und dessen Folgen“, begründet Pierre-Alain Eltschinger, Sprecher beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) den Beitrag.

„Rettet unsere Kinos“

In diesen Gesprächen über soziale Probleme wird immer häufiger über das materielle Erbe diskutiert, etwa wenn junge Menschen, Künstler und Filmemacher darum kämpfen, alte Kinos den Fängen der Baulöwen zu entreissen. 2007 kündigte der Bürgermeister von Prizren an, das Kino Lumbardhi werde abgerissen, um Platz für neue Entwicklungen zu schaffen. Tausende unterzeichneten Petitionen gegen die Schliessung des Kulturzentrums. Mit Erfolg.

Ein ähnlicher Kampf wurde in der nordkosovarischen Stadt Pejaexterner Link am Fuss der albanischen Alpen geführt, einer der grössten Städte Kosovos. 2010 begann eine Gruppe junger Filmemacher, das einzige Kino der Stadt für das Anibar International Animation Festivalexterner Link zu nutzen. Sie hatten einen Pachtvertrag für 15 Jahre erworben, aber bald herausgefunden, dass es Pläne gab, das Gebäude „umzufunktionieren“. Anibar organisierte eine erfolgreiche öffentliche Widerstandskampagne, um die Bulldozer in Schach zu halten.

2019 verdoppelte die Schweiz ihren Beitrag an Anibar auf 25’000 Euro (26’700 Franken). „Dem Festival gelang es, die Animation zu einem wichtigen Medium im Kosovo zu machen, indem es die Produktion von Animationsfilmen förderte und die Vorführung von Animationsfilmen im gesamten Kosovo organisierte“, begründet Eltschinger die Erhöhung.

An der Ausgabe 2019 des Anibar Festivals wurden mehr als 300 Animationsfilme aus aller Welt gezeigt. Das Thema war „Hoffnungen und Ängste“ und beleuchtete die Unsicherheiten junger Menschen.

Laut Anibar-Direktor Vullnet Sanaja sind die Reisebeschränkungen eine der grössten Sorgen der Kosovarinnen und Kosovaren. „Sie können nicht rausgehen und die Welt anschauen, also bringen wir die Welt in den Kosovo“, sagt er.

(Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

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