„Manager sind nicht in der Lage, mit Risiken wie dem Coronavirus umzugehen“

von redaktion
 Fassungsloser Banker vor Mehrfach-Bildschirmen

Die letzte Woche war für die Schweizer Börse die schwärzeste seit der Finanzkrise 2008.

(Keystone / Arne Dedert)

Das Coronavirus zeigt abrupt die Fragilität der Globalisierung und die damit verbundenen Abhängigkeiten auf. Die amerikanisch-schweizerische Management-Professorin Suzanne de Treville ist eine Verfechterin der Rückverlagerung industrieller Produktion von Asien in den Westen. Sie hofft, dass diese Krise mindestens das Bewusstsein schärfen wird.

Die Lungenkrankheit Covid-19 ist im Begriff, die Weltwirtschaft in die Knie zu zwingen. Von Asien über die USA bis zu Europa lähmt das neue Coronavirus die Wirtschaft, schädigt das globale Wachstum erheblich und bringt die wichtigsten Aktienmärkte der Welt ins Wanken.

Suzanne de Treville ist Professorin für Management an der Fakultät für Betriebswirtschaft (HEC) der Universität Lausanne. Sie besitzt die amerikanische und die schweizerische Staatsbürgerschaft. 

(Moosberger Concepts 2018)

Die Krise zeigt unter anderem die Risiken und Abhängigkeiten auf, die mit immer längeren Produktions- und Lieferketten verbunden sind.

Suzanne de Trevilleexterner Link, Professorin für Management an der Universität Lausanne, will mit Instrumenten der quantitativen Finanzwirtschaft beweisen, dass es vorteilhafter ist, vor Ort zu produzieren, als die Aktivitäten ins Ausland zu verlagern. Dies gilt auch für eine Wirtschaft mit teurer Produktion wie jene der Schweiz.

swissinfo.ch: In nur wenigen Wochen hat das Coronavirus die gesamte Weltwirtschaft erfasst. Haben unsere Führungskräfte die Fragilität der Globalisierung und die damit verbundenen systemischen Risiken unterschätzt?

Suzanne de Treville: Die meisten Manager sind nicht in der Lage, Schocks wie das Coronavirus in ihre Entscheidungsmodelle zu integrieren. Sie gehen davon aus, dass immer alles gut gehen wird. Dabei wissen wir, dass die Realität anders aussieht, und es in einem von 100 oder 500 Fällen zu grösseren Problemen kommen wird.

Die mit der Verlängerung der Produktionsketten verbundenen Risiken sind beträchtlich und werden sehr oft ignoriert. Daher ist es unerlässlich, künftige Führungskräfte in logischem und systemischem Denken auszubilden.

Zusammen mit meinem Assistenten Jordi Weiss haben wir Software und Simulationsspiele entwickelt, die es ermöglichen, die tatsächlichen Kosten zu erkennen, die durch eine Verlagerung entstehen.

+ Hier findet sich eine für alle zugängliche Version des Spielsexterner Link

Könnte die Coronavirus-Krise wie ein Elektroschock wirken?

Das kann man nur hoffen. Die Auswirkungen der Covid-19-Epidemie auf das Leben der Menschen und die Wirtschaft sind ernst genug, um Diskussionen anzustossen, die noch vor wenigen Wochen unmöglich waren.

„Die Auswirkungen der Covid-19-Epidemie auf das Leben der Menschen und die Wirtschaft sind ernst genug, um Diskussionen anzustossen, die noch vor wenigen Wochen unmöglich waren.“

Ende des Zitats

Ab Mitte der 1990er-Jahre hat man begonnen, alles nach China und in die Schwellenländer zu verlagern, ohne wirklich über die Risiken und Abhängigkeiten nachzudenken, die sich daraus ergeben können. Heute ist das Erwachen brutal, und viele Wirtschaftsführer fragen sich, wie damals so dumme Entscheide getroffen werden konnten.

Es ist eine Tatsache, dass die Welt heute stärker voneinander abhängig ist. China macht fast einen Fünftel der Weltproduktion aus, ist ein integraler Bestandteil der globalen Lieferketten, und Touristen aus China geben pro Jahr mehr als 260 Milliarden Dollar aus. Ist es wirklich möglich, die Uhr zurückzudrehen?

In den vergangenen 20 Jahren ist man davon ausgegangen, es reiche aus, in den reichen Ländern für Innovationen zu sorgen, und in „Niedrigkosten“-Volkswirtschaften zu produzieren. Aber Innovation kann nicht vollständig von der Produktion abgekoppelt werden. Und industrielle Aktivitäten schaffen auch viele Arbeitsplätze: Für einen Arbeitsplatz in der Industrie schafft man zwischen fünf und zehn Stellen in der Zulieferkette oder im Dienstleistungsbereich. Das ist eine Menge.

Die tatsächlichen Kosten der Verlagerung

Suzanne de Treville hat mit dem Cost Differential Frontier Calculator (CDF)externer Link ein für alle zugängliches Instrument entwickelt, das zeigt, dass eine Verlagerung viel teurer zu stehen kommt, als Firmenchefs im Allgemeinen denken.

Die Software ermöglicht es insbesondere, die versteckten Kosten zu quantifizieren, die durch eine Ausweitung der Versorgungskette entstehen: Entweder bestellen Firmen zu viele Waren bei ihren Lieferanten im Ausland und müssen die Waren danach liquidieren, oder sie bestellen zu wenig, mit der Konsequenz, nicht genügend Waren an Lager zu haben.

Dieses Instrument hat auch Ökonomen beeindruckt, die mit der Umsetzung der Re-Industrialisierungsstrategie in den Vereinigten Staaten beauftragt sind. Es steht heute Firmenchefs und anderen Entscheidungsträgern auf der Website des US-Handelsministeriums zur Verfügung.

Der CDF wird durch den Total Cost of Ownership Estimatorexterner Link ergänzt, eine Software, die es erlaubt, rund 30 Parameter zu berücksichtigen, die – neben den Arbeitskosten – bei einer Verlagerung anfallen. Kosten für Zoll, Übersetzung und Verpackung, geringere Produktivität, schlechte Infrastruktur, Verlust von geistigem Eigentum, Unsicherheit über die Stabilität eines Landes oder unzureichende Aufsicht sind alles Faktoren, die von Geschäftsführern oft unterschätzt werden.

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Ebenso ist es heute nicht mehr möglich, Produktions- und Dienstleistungsbetrieb vollständig voneinander zu trennen. Beides muss nun eng miteinander verbunden werden.

Was meinen Sie damit?

Nehmen wir das Beispiel der Textilindustrie: Heute überschwemmen die „Fast-Fashion“-Giganten die Regale mit billiger Kleidung, die unter miserablen Arbeitsbedingungen in China und Bangladesch hergestellt wird. Oft werden jedoch nur etwa 10 bis 20% dieser Waren verkauft; der Rest wird zerstört, um Platz für neue Kollektionen zu schaffen.

Das ist völlig absurd, wirtschaftlich, sozial und ökologisch. Die Textilindustrie liegt in Sachen Umweltverschmutzung heute nach der Ölindustrie an zweiter Stelle! Das US-Handelsministerium nutzt ein von meinem Labor in den vergangenen sechs Jahren entwickeltes Instrument, um diese Industrie in die USA zurückzubringen. Dies würde dort vor Ort Arbeitsplätze schaffen und dieser absurden Verschwendung ein Ende setzen.

Und wie würde das funktionieren?

Wenn Sie in Zukunft ein Hemd kaufen möchten, würden Sie zu einem persönlichen Berater gehen, der Ihren Körper scannt, um so ein massgeschneidertes Kleidungsstück zu entwerfen. Der Auftrag würde an eine kleine Produktionsstätte in der Nähe oder in ein Gebiet der USA vergeben, das diese Stellen benötigt. Nachdem das Hemd 40, 50 Mal benutzt wurde, würde es in die Werkstatt zurückgeschickt, wo die Faser recycelt und danach wiederverwendet würde.

Ein solcher Service soll zu einem unterschiedlichen Preis angeboten werden, je nachdem, ob Sie Ihr Hemd für eine Hochzeit in der folgenden Woche oder erst drei Monate später benötigen. Es ist ein bisschen wie im Flugzeug: Menschen, die in der First oder Business Class reisen, zahlen einen Teil des Fluges für jene Menschen, die in der Economy Class reisen.

Dieses Kreislaufwirtschaftsmodell ist zudem sehr flexibel und passt sich viel besser an die Bedürfnisse der Kunden und Kundinnen an als das, was die grossen Modemarken heute anbieten.

Spielen Sie durch eine Zusammenarbeit mit der Trump-Administration nicht einer protektionistischen Wirtschaftspolitik in die Hände, die das globale Gleichgewicht bedroht?

Der Einsatz unseres Tools begann unter der Regierung von Barack Obama. Tatsächlich ist die für dieses Dossier Frage zuständige Person im US-Handelsministerium seit 34 Jahren im Amt und hat daher sowohl unter republikanischer als auch unter demokratischer Präsidentschaft gearbeitet.​​​​​​​

„Das Kreislaufwirtschaftsmodell ist sehr flexibel und passt sich viel besser an die Bedürfnisse der Kunden und Kundinnen an als das, was die grossen Modemarken heute anbieten.“

Ende des Zitats

Die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Entwicklung der industriellen Tätigkeit ist sicherlich das am wenigsten politisierte Thema in den Vereinigten Staaten. Es ist eine nicht umstrittene Massnahme, um die Deindustrialisierung und Verarmung einzudämmen, von der viele Teile des Landes betroffen sind.

Ihre Ausführungen könnten amerikanische und europäische Führungskräfte überzeugen. Aber für Schwellenländer, die dank der Industrialisierung in den letzten Jahren einen Sprung nach vorne gemacht haben, dürften sie nicht allzu attraktiv klingen.

Sie irren sich! Als ich 2014 Professorin am MIT war, besuchten viele chinesische Studierende meine Vorlesungen. Sie waren überzeugt, dass meine Sichtweise die Hoffnung Chinas darstellt.

Heute sind chinesische Fabriken eine wahre Hölle für Arbeiterinnen und Arbeiter. Die extreme Industrialisierung hat zudem schreckliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen und die Umwelt.

Die chinesische Führungsschicht hat bereits erkannt, dass sie diesen Weg nicht mehr fortsetzen kann. Statt die Welt mit Billigprodukten zu überschwemmen, konzentrieren sie sich mehr auf Produkte mit Mehrwert und den Binnenmarkt. Auch in der Landwirtschaft werden interessante Kreislaufwirtschaftsmodelle entwickelt. Der Wandel ist im Gange.

Und was ist mit der Schweiz? Kann sie es sich wirklich leisten, trotz hoher Produktionskosten und einer starken nationalen Währung eine wettbewerbsfähige Industrie aufrechtzuerhalten?

Es ist klar, dass es der Schweizer Wirtschaft trotz des starken Frankens gut geht. Für viele Unternehmen ist dies ein Detail, das sehr leicht zu kompensieren ist. Die Schweiz verfügt über gut ausgebildete und motivierte Arbeitskräfte, weil die jungen Menschen die Möglichkeit haben, in modernen, dynamischen und attraktiven Unternehmen zu arbeiten.

Ein weiterer wichtiger Vorteil ist die Nähe zu einigen der besten Universitäten und Forschungszentren der Welt. In meinen Recherchen habe ich zum Beispiel berechnet, dass die Flexibilität der Schweiz den Technologieunternehmen einen Mehrwert von 15 bis 100% bietet.

Und dabei ist die leistungsfähige Infrastruktur noch nicht mit einbezogen, sei es im Bereich von Verkehr und Transport oder der öffentlichen Verwaltung. Wir haben also alle Voraussetzungen in der Hand, in der Schweiz eine starke und wettbewerbsfähige Industrie in zu entwickeln.

(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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