Ein Teil der Wirtschaft „steckt den Kopf in den Sand“

von redaktion

Zu viele Arbeitgeber halten sich nicht an die Richtlinien der Schweizer Landesregierung zum Schutz von Arbeitnehmenden und Bevölkerung vor der Verbreitung des Coronavirus. Die Gewerkschaften schlugen deshalb am Mittwoch Alarm.

(Keystone / Marcel Bieri)

Abstand halten, Hände waschen, Versammlungen vermeiden: Diese Vorschriften gelten auch am Arbeitsplatz. „In der Realität drücken sich unzählige Arbeitgeber um diese Vorschriften: Im Verkauf, auf Baustellen, in der Produktion, in Firmenbussen. Jetzt sind die Behörden gefordert“, schreibt die Gewerkschaft Unia am Mittwoch, nach unzähligen Berichten von Arbeitnehmenden.

„Das Credo: kein Umsatzrückgang“

Vania Alleva, Präsidentin der Unia, unterstrich in einer Mitteilungexterner Link: Wenn Unternehmen die behördlichen Direktiven nicht umsetzen könnten, „muss die Arbeit eingestellt werden“. Viele Unternehmen schienen stattdessen eine Vogel-Strauss-Politik zu übernehmen: „Nur ja keine Umsatzeinbussen riskieren, scheint ihr Credo zu sein.“

Baustellen geschlossen? Vor allem nördlich der Alpen (im Bild zwei Arbeiter in Lausanne) gehen die Aktivitäten mehr oder weniger weiter. Die Regierungen der Kantone Waadt und Genf kündigten am Mittwoch jedoch an, dass sie die Baustellen schliessen wollen.

(Keystone / Sandra Hildebrandt)

„Was bringt es, den Zugang zu öffentlichen Parks zu verbieten, wenn Hunderttausende von Arbeitnehmenden auf Baustellen, in der Industrie und sogar in Büros nebeneinander arbeiten müssen?“, fragen rund sechzig Gewerkschafter in einem Appell an den Bundesrat. Darin fordern sie, alle Produktions- und Dienstleistungsaktivitäten einzustellen, die nicht sozial notwendig und dringend sind.

Im bisher am stärksten vom Coronavirus betroffenen Kanton Tessin wurden einige Aktivitäten eingestellt. „Wir liegen ein paar Wochen hinter Italien, aber vor dem Rest der Eidgenossenschaft“, sagt Giangiorgio Gargantini, regionaler Sekretär der Gewerkschaft Unia im Tessin.

Viele Bauarbeiten wurden eingestellt, obwohl einige Baustellen aus Angst vor dem Verlust von Kunden noch immer betrieben werden. In einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung fordert die Gewerkschaft nun die „totale Schliessung der Bauaktivitäten“.

Die Zusammenarbeit mit der Tessiner Sektion des Schweizerischen Baumeisterverbands sei ausgezeichnet gewesen, stellt Giorgio Fonio, Gewerkschafter der Organizzazione Cristiano Sociale Ticinese, fest. „Was wir jedoch fordern, ist mehr Aufmerksamkeit auf einer höheren Ebene. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass der Einbau eines Stücks Autobahn derzeit unverzichtbar ist“, sagt Fonio. Er spricht damit das Bundesamt für Strassen an, das für solche Baustellen zuständig ist.

Coronavirus und die Baustellen

Audio: Coronavirus und die Baustellen

Radio SRF: Coronavirus und die Baustellen

Verkaufspersonal an der Front

An vorderster Front steht das Verkaufspersonal von Lebensmitteln und anderen notwendigen Gütern, um der Bevölkerung einen wesentlichen Dienst zu erweisen. Dieses zeigt sich sehr besorgt. In den letzten Tagen gab es eine Vielzahl von Aussagen von Menschen, besonders von jenen an den Kassen, die glauben, dass ihre Gesundheit nicht ernstgenommen wird.

Zusätzlich zu der Kundschaft, die sich nicht an die Grundregeln hält, wie etwa eine angemessene Distanz, verbot ein grosser Einzelhändler seinen Mitarbeitenden die Verwendung von Gesichtsmasken. Dies unter dem Vorwand, das würde Kundschaft vertreiben.

Das Coronavirus in der Schweiz

Die Schweizer Regierung verschärft im Kampf gegen Covid-19 laufend die Massnahmen. Welche Folgen hat dies für die Bevölkerung?

Das Unternehmen vollzog daraufhin eine Kehrtwende, indem es strengere Massnahmen einführte und seinen Mitarbeitenden Masken zur Verfügung stellte (deren Nutzen für gesunde Menschen, soviel sei angemerkt, nicht bewiesen ist). Auch Desinfektionsmittel und Handschuhe wurden Kunden in Geschäften zur Verfügung gestellt.

„Letzte Woche haben wir interveniert, um eine Verstärkung des Arbeitnehmerschutzes zu fordern, besonders für das Verkaufspersonal“, sagt Fonio.

„Einige Unternehmen haben etwas getan. Es wurde jedoch beschlossen, die Geschäfte am Donnerstag, dem 19. März, dem Tag des heiligen Josef von Nazaret, geöffnet zu lassen. Das ist für uns unverständlich, zumal es kein Versorgungsproblem gibt. Wir hätten dafür sorgen können, dass diese Menschen, die heute an der Front arbeiten, etwas zur Ruhe kommen.“

Um den Druck zu verringern und die Gesundheit des Verkaufspersonals besser zu schützen, fordert die Unia eine Obergrenze von 50 Personen (einschliesslich der Angestellten) für den Lebensmittelhandel. Die gleiche Zahl wurde ursprünglich für Restaurants festgelegt (die jetzt geschlossen sind).

Nordschweiz hinkt nach

Während dieses Bewusstsein im Tessin langsam an Boden gewinnt, scheint die übrige Schweiz zurückzubleiben. „Bis heute wendet kein Einzelhändler die Empfehlungen des Bundesamts für Gesundheit systematisch an“, so die Unia-Zentrale.

Im Industriesektor sind die Unternehmen zumindest nördlich der Alpen weiterhin in grossem Umfang tätig. Im Tessin hingegen „haben mehrere Unternehmen ihre Arbeit eingestellt“, sagt Unia-Regionalsekretär Gargantini. „Es ist jedoch schwer zu sagen, ob es an einem echten Bewusstsein liegt oder daran, dass es objektiv schwierig geworden ist, zu arbeiten.“

Home Office

Die Forderung des Bundesrats, daheim zu arbeiten, scheint sich in vielen Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen durchgesetzt zu haben. In einigen Fällen scheint es Firmen jedoch schwerzufallen, diesen Schritt zu tun.

„Ich könnte meine Arbeit leicht von zu Hause aus erledigen, aber man hat mir gesagt, es wäre nicht fair gegenüber jenen Leuten, die zur Arbeit kommen müssen, weil sie Aufgaben erledigen, die sie sonst nirgendwo erledigen könnten“, sagt ein Mitarbeiter der Swatch Group.

„Sie haben Massnahmen ergriffen, um die Gesundheit der Mitarbeitenden zu schützen, indem sie beispielsweise überall Desinfektionsmittel zur Verfügung stellen oder den Abstand zwischen den Arbeitsplätzen vergrössern. Von diesem Standpunkt aus gesehen waren sie tadellos. Aber sie zwingen mich, zur Arbeit zu kommen, obwohl ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren muss.“

Der multinationale Uhrenhersteller seinerseits betont, er habe eine lange Liste von Massnahmen „in voller Übereinstimmung mit den Empfehlungen des Bundes“ getroffen. Dazu gehört auch die Telearbeit.

„Das Motto unserer Gruppe ist Telearbeit, wo immer möglich“, sagt Bastien Buss, Leiter Kommunikation der Swatch Group. „Einige Unternehmen und Tochtergesellschaften haben auch ein System von alternierenden Teams eingerichtet.“ Zum konkreten Fall will sich die Swatch-Gruppe nicht äussern, da sie die Details nicht kennt.

(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)

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