Für behinderte Kinder und deren Eltern ist die Quarantäne eine Herausforderung

von redaktion

Eltern, die aufgrund der Coronakrise aufhören müssen zu arbeiten, um ein Kind zu Hause zu betreuen, haben Anspruch auf eine Verdienstausfall-Entschädigung. Die Massnahme gilt für alle Kinder bis zum Alter von 12 Jahren. Für Eltern von Kindern mit Behinderungen macht die Regierung aufgrund der spezifischen Probleme eine zusätzliche Geste.

Handicapés mentaux mangeant seuls à des tables

Die Distanzregeln können für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen beunruhigend sein.

(Keystone / Gian Ehrenzeller)

Die Gesundheitskrise ist eine Herausforderung für Eltern. Da Kindergärten und Schulen vorübergehend geschlossen sind, muss eine Lösung für die Betreuung der Kinder gefunden werden. Und es kommt nicht in Frage, sich an die Grosseltern zu wenden, wie dies normalerweise oft der Fall ist, weil ältere Personen durch das Coronavirus besonders gefährdet sind.

Deshalb gibt es für Eltern manchmal keine andere Lösung, als ihre berufliche Tätigkeit zu unterbrechen, um sich zu Hause um die Kinder zu kümmern. Um diesen Eltern zu helfen, einigte sich der Bundesrat bereits am 20. März darauf, dass eine Verdienstausfall-Entschädigung erhalten soll, wer Kinder bis zum Alter von 12 Jahren betreuen muss.

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Bis 20 Jahre

Am vergangenen Freitag kündigte die Regierung eine zusätzliche Geste für Eltern von Kindern mit Behinderungen an. „Weil diese Altersgrenze Eltern von Kindern mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen Schwierigkeiten bereitet, setzt sie der Bundesrat bei diesen Fällen auf 20 Jahre hinauf“, heisst es in einer Medienmitteilungexterner Link.

Davon profitieren Eltern, die zu Hause ein Kind betreuen, dessen Sonderschule oder Rehabilitationszentrum wegen der Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie geschlossen ist, oder die Anspruch auf einen Zuschlag für Intensivpflege von der Invalidenversicherung (IV) haben.

Eltern von Jugendlichen mit Behinderungen, die in eine Regelschule integriert sind oder die keine Intensivbetreuungs-Zuschläge erhalten, haben keinen Anspruch auf Verdienstausfall-Entschädigung ab dem zwölften Geburtstag ihres Kindes, so wie es bei allen anderen Kindern der Fall ist.

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SRF, Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 15.04.2020: Die Geschichte von Pamela: Die Mutter erzählt, weshalb sie sich dafür entschieden hat, die Tochter im Heim zu lassen

Spezifische Schwierigkeiten

Kinder ab 12 Jahre können sich in Quarantäne relativ gut selbst beschäftigen. Bei behinderten Kindern ist die Situation jedoch viel schwieriger.

Verschiedene körperliche Behinderungen erfordern mehr oder weniger Hilfe, um sich zu bewegen, zu kleiden oder sich zu ernähren. Aber auch die verschiedenen Formen der geistigen Behinderung können viel Unterstützung erfordern.

„Das Verständnis restriktiver Massnahmen erfordert eine Vielzahl kognitiver Fähigkeiten, die bei geistig Behinderten mehr oder weniger fehlen. Dies kann zu Gefühlen von Frustration, Wut, Hilflosigkeit, Unsicherheit und Angst oder sogar Panik führen, die sich durch Rückzug und depressive Verstimmungen oder durch erhöhte Anspannung und aggressives Verhalten ausdrücken können“, erklärt Simone Rychard, Leiterin der Fachstelle Lebensräume von insiemeexterner Link, der Vereinigung der Elternvereine für Menschen mit einer geistigen Behinderung.

„Darüber hinaus haben viele geistig behinderte Menschen ein gutes Gespür für den emotionalen Zustand ihrer Umgebung. Sie sind sich der Spannungen oder Ängste stärker bewusst. All dies bedeutet, dass sie gut unterstützt werden müssen“, sagt sie.

Die Situation kann bei Formen geistiger Behinderung sehr angespannt sein, bei denen Rituale sehr wichtig sind, zum Beispiel bei einigen Formen von Autismus.

„Auch unter normalen Umständen erfordern selbst die kleinsten Veränderungen eine sorgfältige Planung und Umsetzung, ein schrittweises Vorgehen mit viel Zeit und eine genaue Überwachung“, sagt Rychard. „Die Coronavirus-Krise, die alles auf den Kopf stellt, ist also eine grosse Herausforderung. Im schlimmsten Fall können die daraus resultierenden Spannungen zu sehr aggressivem Verhalten führen, sei es gegen sich selbst, andere Menschen oder Gegenstände.“

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SRF, Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 15.04.2020: Auch die Heime müssen sich an die Situation anpassen

Weniger Unterstützungsangebote

Um der Herausforderung der Kinderbetreuung gerecht zu werden, haben sich Eltern solidarisiert und helfen sich gegenseitig. Benachbarte und befreundete Familien arbeiten zusammen. Hausunterricht und Kinderbetreuung werden auf mehrere Erwachsene und verschiedene Eltern aufgeteilt.

Aber bei einem behinderten Kind ist das komplizierter. „Die Betreuung eines behinderten Kindes durch eine aussenstehende Person ist normalerweise nicht so einfach, wenn nicht gar unmöglich“, sagt Rychard. „Es erfordert zu viel spezifisches Wissen, das nicht über Nacht erworben werden kann.“

Freizeitaktivitäten oder Möglichkeiten für Ausflüge und gemeinsames Spielen seien wegen der Behinderung des Kindes oft eingeschränkt. „Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in ihrer Nachbarschaft manchmal wenige oder gar keine Freunde oder Kollegen haben, mit denen sie ihre Freizeit unabhängig und unbeaufsichtigt verbringen könnten.“

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SRF 4 News aktuell, 23.03.2020: Grosse Verunsicherung bei Menschen mit Behinderung

Gut, aber es könnte besser sein

Die Behindertenorganisationen begrüssen den Entscheid des Bundesrates. Sie sind jedoch noch nicht ganz zufrieden und fordern, dass auch die Eltern erwachsener behinderter Kinder Verdienstausfall-Entschädigungen erhalten können.

„Enttäuschend ist aber, dass der Bundesrat die Lücke nicht vollumfänglich geschlossen hat“, sagt Inclusion Handicapexterner Link, der Dachverband der Schweizer Behindertenorganisationen. „Denn auch viele Angebote für Personen über 20 Jahren, die auf eine Tagesstruktur angewiesen sind, sind geschlossen worden. Eltern und Angehörige, die nun in die Bresche springen und dadurch einen Erwerbsausfall erleiden, gehen jedoch leer aus.“

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