Coronavirus stellt Klimawandel in den Schatten

von redaktion
Lac de la Gruyère à sec

Der Lac de la Gruyère bei Broc (Kanton Freiburg). Dieses Jahr ist der Frühling in der Schweiz von einer ungewöhnlichen und dauerhaften Trockenheit geprägt.

(Valeriano Di Domenico)

Das Jahr 2020 sollte zum entscheidenden Jahr in der Bekämpfung des Klimawandels und der Erderwärmung werden. Doch durch das Coronavirus ist das Klimaproblem in den Hintergrund gerückt. Gleichwohl könnte auch die aktuelle Pandemiekrise neue Impulse in der Debatte um Klimawandel und Umweltverschmutzung geben.

Bis vor kurzem kannte niemand das Coronavirus. Inzwischen bestimmt es unser Leben und die ganze Gesellschaft. Warum sollte man sich in einer solchen Situation mit dem Schmelzen von Gletschern oder Hitzephasen beschäftigen, die vielleicht in 30 oder 40 Jahren unseren Alltag bestimmen? Die Frage ist legitim. Und doch gibt es auch in diesem Moment Berührungspunkte und Schnittstellen.

Unser ökologisches Gewissen ist in den Zeiten von Coronavirus jedenfalls auf eine harte Probe gestellt. Wir machen uns wenige Gedanken, wenn es darum geht, das Auto für Kurzstrecken einzusetzen, um vielleicht für einige Stunden aus der häuslichen Isolation auszubrechen. Wir zögern auch nicht, wenn es darum geht, Plastiksäcke zu verwenden, um potentiell infiziertes Material wie Masken oder Taschentücher einzusammeln, oder einen Wasserhahn zu öffnen, um uns die Hände zu waschen, auch wenn wir dabei bis zu neun Liter Wasser verbrauchen.

Coronavirus und Klimawandel sind zwei sehr wichtige Themen für die Menschheit, doch gibt es einen grundsätzlichen Unterschied, wie der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, betont hat. Covid-19 ist ein temporäres Problem und wird eines Tages verschwinden. Den Klimawandel gibt es hingegen bereits seit Jahren und „er wird uns noch Jahrzehnte beschäftigen“, so Guterres.

„Wir müssen die sanitäre Krise mit ihren sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen mit Dringlichkeit anpacken, aber dürfen nicht vergessen, dass die Zeit drängt, auch den Klimawandel zu stoppen“, betont Nick Mabey von E3G, einem unabhängigen Think Tank zum Klimawandel. Der Verein setzt sich für einen Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft ein.

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Saubere Luft, aber nicht lange

Auch wenn der Klimawandel aus der öffentlichen Debatte verschwunden zu sein scheint – das Coronavirus hat ganz offensichtlich einen positiven Einfluss auf das Klima. Als Folge der Schliessung von Unternehmen und Industrien sowie der Einstellung des Flugverkehrs sind die Emissionen zurückgegangen und die Luftqualität hat sich in vielen Städten deutlich verbessert.

Es gebe jedoch keinen Grund zu anhaltender Freude, warnt die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) mit Sitz in Genf. Nach Ansicht dieser Organisation wird die Pandemie kaum nachhaltige Auswirkungen auf das Klima haben. „Sobald die Pandemie vorbei sein wird, wird die Welt wieder nach den alten Mustern funktionieren – der CO2-Ausstoss wird dann wieder zunehmen“, prognostiziert Lars Peter Riishojgaard von der WMO in einem Interview mit der Westschweizer Zeitung „24 Heures“.

Keine Unterstützung für Verschmutzer

Für den Schweizer Umweltbotschafter Franz Perrez „wird die Herausforderung darin bestehen, die Wirtschaft in einer Weise wieder anzukurbeln, die mit den Klimazielen und einer nachhaltigen Entwicklung vereinbar ist.“

Auch für Georg Klinger, Klimaexperte von Greenpeace Schweiz, müssen die verschiedenen finanziellen Unterstützungsmassnahmen des Bundes das Entstehen einer emissionsarmen Wirtschaft fördern, welche mit den Klimazielen kompatibel sind.

Insbesondere fordert Greenpeace Bund und Kantone auf, klimaschädigende Unternehmen nur dann finanziell zu unterstützen, wenn sie die Anforderungen erfüllen, die Emissionen bis 2030 auf Netto-Null zu reduzieren, schreibt die Umweltorganisation.

Diesen Wunsch äussert auch Augustin Fragnière, Umweltwissenschaftler am Interdisziplinären Zentrum für Nachhaltigkeit der Universität Lausanne. Die Unterstützung für besonders umweltbelastende Unternehmen und Branchen, darunter multinationale Konzerne, die Luftfahrt und die Automobilindustrie, sollte vom Klima- und Umweltschutz abhängig gemacht werden, fordert er.

„Die aktuelle Epidemie zeigt auch auf, dass das, was im normalen Alltag absolut undenkbar erscheint, sehr schnell erreicht werden kann, wenn sich der Kontext ändert“, schreibt er.  Die Coronavirus-Krise beweise, dass Demokratien bereit seien, extrem einschneidende Massnahmen zu ergreifen, wenn der Schutz der Gesundheit ihres Volkes auf dem Spiel stehe.

Kein Impfstoff gegen Klimawandel

Der Umweltwissenschaftler hat jedoch keine grossen Erwartungen an die Regierungen, deren einziges Ziel es sein wird, die Wirtschaft anzukurbeln, „indem sie das machen, was sie immer am besten konnten, das heisst fossile Energien auszubeuten“. Augustin Fragnière ist überzeugt, dass die Zivilgesellschaft und die Bewegungen für den Klimaschutz ihre Stimme erheben müssen: „Die Schlacht um den Klimawandel wird man auf der Strasse und an den Urnen gewinnen.“

Die Klimastreik-Bewegung bekräftigt hingegen ihren Appell, auf die Wissenschaft zu hören und entsprechend zugunsten des Klimas und der Umwelt zu handeln. Es wird gefordert, dass die Klimakrise mit derselben „Solidarität zwischen den Generationen“ angegangen wird, wie es auch bei Covid-19 gemacht wird.

Dies auch deshalb, weil man zum Schutz der Bevölkerung vor den Auswirkungen des Klimawandels nicht auf die Entdeckung eines Impfstoffs hoffen kann.

Verschiebung der entscheidenden Klimakonferenz

Infolge des Coronavirus wurden mehrere internationale Kongresse und Veranstaltungen verschoben – zum Beispiel der UNO-Gipfel über Ozeane und biologische Vielfalt – sowie die 26. Internationale UNO-Konferenz zum Klimawandel (COP26), die im November in Glasgow (Schottland) hätte stattfinden sollen. Sie wurde auf 2021 verschoben.

Die COP26 gilt als die wichtigste Konferenz seit der COP21 in Paris im Jahr 2015, die mit der Unterzeichnung eines historischen Klimaabkommens endete. Die COP26 ist entscheidend für die Überprüfung der nationalen Emissionsreduktions-Verpflichtungen. Im Moment reichen diese nicht aus, das Ziel der Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 2 Grad Celsius zu erreichen.

„Alles wurde verschoben, aber die Verhandlungen gehen weiter, und wir haben weiterhin bilaterale und multilaterale Kontakte mit vielen Ländern“, sagt Franz Perrez, Schweizer Unterhändler an internationalen Klimakonferenzen, gegenüber swissinfo.ch. „Schon vor dem Coronavirus hatten grosse Volkswirtschaften wie die Europäische Union und China sowie viele Entwicklungsländer angekündigt, dass sie mehr Zeit bräuchten, um ihre Ambitionen zur Reduzierung der Emissionen zu überprüfen. In dieser Hinsicht ist die Verschiebung der COP26 positiv zu werten.“

Die Schweiz habe bereits im Februar ihr neues Klimaneutralitätsziel für 2050 präsentiert, sagt Perrez. Auf gesetzgeberischer Ebene wird es jedoch länger dauern, weil die parlamentarische Debatte über das neue CO2-Gesetz, eine der Säulen der Schweizer Klimapolitik, wegen der Pandemie verschoben wurde.

Infobox Ende

(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

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