Schweizer Bierbrauer sorgt in Tansania für saubere Hände

von redaktion
Brauerei-Angestellter bestimmt Alkoholgehalt von Handdesinfektionsmittel

Der Brauerei-Angestellte Damian Mosoka bestimmt den Alkoholgehalt des Handdesinfektionsmittels.

(zVg)

Als das Coronavirus Europa in Angst und Schrecken versetzte, reagierte Raphael Flury rasch. Der Geschäftsführer einer Bierbrauerei in Tansania stellte den Betrieb auf die Produktion von Handdesinfektionsmittel um. So kann er helfen und sichert seinen Angestellten gleichzeitig das Einkommen.

Die Hände waschen oder desinfizieren. Was hier in Europa einfach tönt, ist in manchen Regionen Afrikas kaum möglich. Deshalb ist es für die Menschen dort umso wichtiger, ein erschwingliches Handdesinfektionsmittel kaufen zu können. Raphael Flury hat deswegen seinen Brauereibetrieb umgestellt und „braut“ nun in der Coronakrise Desinfektionsmittel.

Der Schweizer Social Entrepreneur Raphael Flury.

(zVg)

Social Entrepreneur nennt sich der 30-jährige studierte Jurist, der sich als junger Backpacker von Ostafrika und dessen Naturprodukten begeistern liess. Nach einer ad-interims-Position in der Geschäftsführung einer Kaffeefarm, übernahm er ein paar Jahre später – Ende 2016 – die Geschäftsleitung einer Bio-zertifizierten Fairtrade-Gewürzfirmaexterner Link auf der tansanischen Insel Sansibarexterner Link. Dort arbeitet er aktuell mit 357 Bauernfamilien.

Seit Anfang 2019 leitet Flury ein zweites Unternehmen, die Twiga Breweryexterner Link in der nordtansanischen Stadt Arushaexterner Link. „In normalen Zeiten“ lebt der Gewürzhersteller und Bierbrauer alternierend zwischen Sansibar und Arusha. „Zwei Regionen und zwei Welten“, sagt er am Telefon.

Schwierigkeiten bei Massnahmen

Nun ist Afrika bisher weniger stark von der Coronavirus-Pandemie betroffen als andere Weltregionen. Aber die Probleme hier sind anderer Natur. Distanzregeln etwa sind kaum einzuhalten. Viele Menschen in Tansania, die in Armut lebten, stünden vor der Frage, „sich zu infizieren oder zu verhungern“, schreibt etwa Der Spiegelexterner Link.

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Und bei der überparteilichen Organisation Atlantic Councilexterner Link ist zu lesen, der durchschnittliche Tansanier habe aufgrund der geografischen Begebenheiten oft „kaum eine andere Wahl, als sich dem Risiko auszusetzen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren und so über längere Zeit im Stau zu sitzen – entgegen dem Appell der Weltgesundheits-Organisation zum Abstandhalten“.

Tansania vermeldet bisher offiziell 300 Infizierte und zehn Todesfälle durch Covid-19 (Stand 30.4., gemäss Zahlen der Weltgesundheits-Organisationexterner Link). Doch die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen: „International gibt es jedoch grosse Zweifel an den Zahlen“, schreibt die Frankfurter Allgemeineexterner Link. „Bereits im vergangenen Jahr hatte die WHO tansanischen Behörden vorgeworfen, Ebola-Verdachtsfälle zu verschweigen.“

Relativ früh setzte das Land verschiedene Massnahmen in Kraftexterner Link: Der Flugverkehr mit dem Ausland ist unterbrochen, die Bildungseinrichtungen sind geschlossen, und es gilt ein 30-tägiges Verbot öffentlicher Versammlungen.

Drei Männer in einer Brauerei

Raphael Flury mit zwei Kunden im Taproom der Brauerei.

(zVg)

Weil aber viele Menschen in Tansania auf engem Raum und ohne fliessendes Wasser lebten, seien bei einer Armutsquote von rund 26% ein „Stay Home“ sowie die nationalen Hygieneregeln nur sehr schwer umzusetzen, betont Flury. „Die Menschen müssen weiterhin auf den Markt gehen, sie verfügen oft nur über bedingt Erspartes. Auch Homeoffice können die Wenigsten praktizieren, weil sie keine festen Jobs haben.“

Rasch reagiert

„Afrika ist bei der Entwicklung der Fallzahlen relativ gesehen spät dran“, sagt Flury. „Wir haben frühzeitig erkannt, dass der Tourismus einbrechen wird. Und mit unserer Brauerei sind wir – leider noch zu stark – vom Tourismus abhängig.“

Normalerweise stellt die erste Craft-Brauerei Tansanias Fassbier nach deutschem Reinheitsgebot her und beliefert damit Hotels, Lodges und Bars. Dank der vorhandenen Expertise war es für Flury klar, dass er auf die Herstellung von Handdesinfektionsmitteln umstellen will. „Wir haben ein gut eingespieltes Team mit Expertise in der Getränkeproduktion und dem Handling von Flüssigkeiten. Ferner verfügen wir über genügend Mich- und Lagertanks.“

Das Handdesinfektionsmittel wird in unterschiedlichen Grössen bis 5 Liter verkauft. „Um zusätzlichen Plastikabfall bestmöglich zu minimieren, können auch eigene Behälter mitgebracht und vor Ort aufgefüllt werden“, sagt Flury.

(zVg)

Es sei ihm besonders darum gegangen, etwas für die Community zu tun, da beide Unternehmen, die er leite, so genannte soziale Unternehmen seien. „Zudem war es mir ein Anliegen, meine Angestellten weiterhin beschäftigen zu können. Viele internationale Betriebe hier haben das Tagesgeschäft eingestellt und ihre lokalen Angestellten oft unbezahlt beurlaubt.“

Er sei bewusst in Tansania geblieben, „um den sozialen Verpflichtungen gegenüber den Angestellten nachzukommen sowie die Firmen bestmöglich durch die Krise zu führen“, betont der Auslandschweizer.

Eine Woche lang getüftelt

Zusammen mit einem tansanischen Gin-Produzenten, der über ein gutes Beschaffungs-Netzwerk verfüge, habe er schliesslich eine Woche lang getüftelt, ausgehend von der Rezeptur der WHO. „Zudem holte ich mir Feedbacks bei Schweizer Ärzten und Apothekern.“ Innert zweier Wochen habe man ein Produkt gehabt, und die Zulassungsgesuche seien versandbereit gewesen.

Die Beschaffung der Rohmaterialien war und bleibe schwierig und stecke voller Risiken, sagt Flury. „Wir brauchen dazu Ethanol, Wasserstoffperoxid, Glycerin, destilliertes Wasser und ätherische Öle.“ Auch das Ethanol, das nicht aus der Bierproduktion stammt, muss Flury extra beschaffen.

In Tansania seien sie unter den ersten gewesen, die Handdesinfektionsmittel produzieren. Nun verfügten sie über alle nötigen Lizenzen und Zertifikate. „Man muss hier noch genauer arbeiten, als in der Schweiz, weil Non-Compliance-Vergehen unverhältnismässig hart geahndet würden.“

Preiswerte Alternative

Das Ziel war, ein erschwingliches und trotzdem qualitativ hochwertiges Handdesinfektionsmittel herzustellen. Es verfügt über 80% Alkoholgehalt. „Zunehmend kommen minderwertige Produkte auf den Markt, da viele damit den schnellen Gewinn machen möchten“, sagt Flury. Wegen der vielen Scharlatane, die mitmischen würden, verkauften die Ethanol-Produzenten jetzt nicht mehr an alle Kunden.

Pro Tag kann die Twiga Brewery laut Flury bis maximal 1000 Liter des Desinfektionsmittels produzieren und abfüllen. Just in Time, je nach Nachfrage. „Jetzt beliefern wir wöchentlich Spitäler, Apotheken, Schulen und Gesundheits-NGOs im Norden des Landes.“ So erhielt etwa eine Schule mit 3000 Kindern 3000 Liter „Sanitizer“ – finanziert über Spenden.

Für die Brauerei als soziales Unternehmen stehe dabei der Gewinn nicht im Vordergrund, wie Flury betont. Der offizielle Preis für Handdesinfektionsmittel im Land schoss über Nacht von 9,70 auf 68 Franken pro Liter, wie die Vereinten Nationenexterner Link (UNO) schreiben. Derweil kostet bei der Twiga Brewery laut eigenen Angaben ein Liter zum Einzelhandelspreis 10’000 Tanzania Shillings, was etwa 4,20 Franken entspricht.

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