Schweizer Wissenschaftler streiten über Nutzen des Lockdowns

von redaktion

Die Menschen in der Schweiz erobern sich die Städte, hier Bern mit dem Bundeshaus im Hintergrund, nur zögerlich wieder zurück. Die Regierung hat am 11. Mai die Anti-Corona-Massnahmen, den so genannten Lockdown, teilweise gelockert.

(Keystone / Alessandro Della Valle)

War es notwendig, einen grossen Teil der Schweiz für fast zwei Monate stillzulegen, um die Verbreitung von Covid-19 zu kämpfen? Ein Experte für Katastrophen-Management befürchtet, dass die Arznei letztlich schlimmer war als die Krankheit. Die Debatte ist lanciert, während die Schweizer Bevölkerung Schritte aus dem Lockdown macht.

Das Coronavirus in der Schweiz

Die Schweizer Regierung hat die Massnahmen gegen Covid-19 ab 27. April gelockert. Welche Folgen hat dies für die Bevölkerung?

„Die Abschottung – oder Abriegelung – der europäischen Länder hat zu einem Ergebnis geführt, das wir quantifizieren konnten, nämlich zu einer Verringerung der Todesfälle in der Grössenordnung von 50 Menschen pro Million Einwohner“.

Nach den Berechnungen des Teams um Didier Sornette, Professor für unternehmerische Risiken an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich (ETHZ), hat der Lockdown in der Schweiz, der am 11. Mai weiter gelockert wurde, das Land vor 400 weiteren Todesfällen bewahrt.

Dies im Vergleich zu weniger strikten Einschränkungen, wie man sie etwa in Schweden sieht. Bisher starben in der Schweiz rund 1800 Menschen an Ursachen, die mit Covid-19 in Verbindung gebracht wurden.

„Der Lockdown ist ein brutales, mittelalterliches Instrument der letzten Instanz, wenn man ohne Waffen ist oder sich in einem Zustand maximaler Unsicherheit befindet“. Didier Sornette

Ende des Zitats

Die Berechnungen und Kommentare des Experten für epidemiologisches und nukleares Katastrophen-Management haben in der Welt der Wissenschaft eingeschlagen wie eine kleine Bombe.

Im Nachhinein beurteilt Sornette die Methode der Ausgangsbeschränkung oder „Lockdowns“ kritisch: „Ein brutales, mittelalterliches Instrument der letzten Instanz, wenn man ohne Waffen ist oder sich in einem Zustand maximaler Unsicherheit befindet“.

ETH-Professor Didier Trono.

(Alain Herzog)

Da Covid-19 wahrscheinlich bereits Anfang Jahr in der Schweiz präsent war, habe die relativ späte Einschränkung der Bewegungsfreiheit zudem nur relativ geringe Wirkung entfaltet.

„Am Steuer eingeschlafen“

„Es ist immer einfacher, solche Berechnungen zwei Monate später vorzulegen“, sagt Didier Trono, Mitglied der Task Force Covid-19, dem vom Bund eingesetzten wissenschaftlichen Beratungsgremium und selbst Professor am Laboratorium für Virologie und Genetik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL).

Als die ersten einschränkenden Massnahmen verfügt worden seien, „wussten wir nicht, auch wir Wissenschafter nicht, ob das Fass in der Schweiz überlaufen würde oder nicht. Und ob die Spitalstrukturen dieser Situation überhaupt gewachsen sein würden“, sagt Trono.

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Didier Sornette ist seinerseits davon überzeugt, was die Prävention angehe, sei schon der Prozess schlecht gehandhabt worden. „Wir sind am Steuer eingeschlafen“, sagt er gegenüber swissinfo.ch.

„Zuerst schauten wir zu, wie die Bedeutung dieser Pandemie, die sich in China entwickelte, verniedlicht wurde. Danach kam die Kritik an China als angeblich inkompetentes Land, dessen Vorgehen als zu restriktiv betrachtet wurde. Und als Covid-19 schliesslich bei uns auftauchte, waren wir nicht ausreichend vorbereitet.“

In gewissen europäischen Ländern habe Panik geherrscht, und „mehrere begannen, China nachzuahmen, taten es aber weniger gut. Wir hätten die Bewegungsfreiheit nicht so brutal und umfassend einschränken dürfen, sondern die heissen Zonen und Epizentren ins Visier nehmen sollen“, sagt Sornette.

Didier Sornette von der ETH Zürich.

(DR)

Dem entgegnet Didier Trono: „Covid-19 hat sich in bestimmten Regionen – im Tessin, in Basel und in der Genferseeregion – ausgebreitet wie Tinte auf Löschpapier, mit mehreren gleichzeitigen Eintrittspunkten in einer Bevölkerung, die überhaupt keine spezifische Immunität hatte. Wir waren mit einem Virus, das wir nicht kannten, und mit dem Tempo seiner Verbreitung konfrontiert. Wir mussten daher in aller Dringlichkeit vorgehen.“

Damals sei nicht direkt an die Kollateralschäden eines Lockdown gedacht worden, „weil die Gesundheit der Menschen und der Schutz des medizinisch-klinischen Systems an erster Stelle standen“.

Der Wert eines Lebens

Für Didier Sornette hatte man ursprünglich denken können, dass SARS-Cov-2 – in Bezug auf die Sterblichkeitsrate – „mit der asiatischen Grippe von 1957 und der von Hongkong von 1968 vergleichbar ist, zwei Seuchen, die mit einer Sterblichkeitsrate von 0,2% der Infizierten absorbiert werden konnten“. Dies hatte damals weltweit zu einer Million von Todesfällen geführt, meist unter gefährdeten Menschen. „Natürlich sind diese Zahlen tragisch, aber es ist auch nicht das Ende der Welt“, sagt er.

„In jüngerer Zeit scheint sich bestätigt zu haben, dass die Sterblichkeitsrate unter den Infizierten eher in der Grössenordnung von 0,8 bis 1% liegt“, sagt Sornette weiter. „Aber selbst diese Zahl ist irreführend, denn sie verbirgt enorme Unterschiede, um einen Faktor von 1000 oder mehr zwischen gesunden Menschen und gebrechlichen oder älteren Menschen mit schwerer Komorbidität. Man hätte die Leute selektiv schützen sollen und muss dies auch weiterhin tun“.

Darauf erwidert Didier Trono: „Die von meinem Kollegen erwähnten Grippen waren nicht so rasant wie Covid-19, auch wenn man sie tatsächlich als Mini-Pandemien bezeichnen kann. Tatsache bleibt, dass die Schätzung, wie viel ein Leben wert ist, eine heikle Sache ist.“

Er bestreitet jedoch nicht, dass solche Fragen in Spitälern auftreten, etwa, wenn zum Beispiel ein älterer Mensch auf die Intensivstation verlegt werden soll. „Es müssen schwierige Entscheidungen getroffen werden, wohl wissend, dass manche Menschen nur eine Chance von etwa 10% zum Überleben hätten.“

Ausgewogene Entscheidungen

In Zürich legt Didier Sornette den Grundstein für eine Formel, die umfassender sein soll: „Werden die durch eine Ausgangssperre oder einen teilweise Ausgangsperre geretteten Leben durch die dadurch gefährdeten Leben kompensiert?“

Für Didier Trono „ist es sinnvoll, diese Frage zu stellen. Aber nicht, um sie zu beantworten, sondern um jetzt damit zu beginnen, langfristige Nebenwirkungen zu verhindern und ein Wiederaufflammen der Epidemie zu verhindern, während die einschränkenden Massnahmen gelockert werden“.

Seit einiger Zeit analysieren Didier Sornette und sein Team Verhaltenskettenreaktionen, die durch Erfahrungen mit Massnahmen zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit ausgelöst werden. Die Forschenden wollen herausfinden, ob die Reaktionen schwerwiegendere Folgen als Covid-19 haben werden. 

Insbesondere für die Gesundheit und das psychische Gleichgewicht der Menschen sowie in Bezug auf die Unterbrechungen von Nahrungsmittelketten. Solche Unterbrüche könnten Millionen von Menschen auf der ganzen Welt mit Hungersnot bedrohen.

Sornettes Ansatz befürwortet „ausgewogene Entscheidungen“, die kurz-, mittel- und langfristig angelegt sind. Und er bedauert, dass keine Kinderärzte oder Kardiologen in der wissenschaftlichen Task Force vertreten sind, die seit März Regierung und Behörden bei deren Entscheidungen begleitet und berät.

„Aber auch keine Ökonomen, und auch keine Spezialisten für das Management von Versorgungsketten“. Sornette kritisiert die Behörden vor allem dafür, dass sie – in diesem Fall – nur ein Ohr gehabt hätten für Wissenschafter „mit einem einzigen schmalen Spezialgebiet“.

Während die Menschen in der Schweiz seit kurzer Zeit wieder lernen, mehr oder weniger normal zu leben, will Didier Sornette auch das fördern, was er in seinem Jargon „individuelle Belastbarkeit“ nennt. Eine Berücksichtigung des Individuums, während „wir uns konzentrieren auf gesellschaftliche Antworten“.

Modelle zerlegen

Auf seine Weise fordert der Zürcher Experte die Welt der Wissenschaft heraus: „Ich finde die Schlussfolgerungen der Modelle, welche die Epidemiologen verwenden, zu anfällig. Sie sind keine Tatmenschen. Sie verfügen über Silokenntnisse und sind Verwalter einer Methode zur Erweiterung und Prüfung von Wissen in diesem medizinischen Bereich.“

Als Berater des Bundesrates im Rahmen der Task Force Covid-19, wo er die Gruppe „Diagnostik und Tests“ leitet, erkennt sich Didier Trono nicht im Bild eines „Geeks“, eines Strebers, der im Dienste der Eidgenossenschaft hinter verschlossenen Türen arbeitet.

„Dieser Task Force gehören fraglos Epidemiologen an, aber mehrheitlich Ärzte, Ökonomen, Biologen und andere Fachleute aus relevanten Bereichen“, sagt er. „Daneben stehen sowohl meine Kollegen als auch ich in regelmässigem Kontakt mit allen Sektoren einschliesslich des Privatsektors, auf nationaler und internationaler Ebene.“

Die Anfälligkeit von Modellen sei nichts Neues unter der Sonne, sagt der Spezialist für Infektionskrankheiten weiter. „Ein Modell dient als Leitfaden für die Reflexion. Ich sage meinen Kollegen oft, dass man ein Modell formulieren und dann versuchen muss, es zu zerlegen, um weitere Fortschritte zu erzielen…“

Das schwedische Modell

Didier Sornette ist der Ansicht, dass in der Schweiz dank sozialer Distanzierung, Barrieren und dem Schutz von spezifischen Risikogruppen ein weniger strikter Lockdown ausgereicht hätte. Und wie andere führt er die Politik in Schweden als mögliche Alternative an. Dort wurde den Menschen weniger Einschränkungen, also mehr Bewegungsfreiheit, gewährt. Aber „auch dort wird dies mittel- und langfristig noch zu beurteilen sein, auf der Grundlage, ob es eine zweite Welle geben wird oder nicht, sowie mit Blick auf die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen“.

„Das schwedische Modell funktioniert nicht so gut, wenn man die Zahl der Todesfälle durch Covid-19 und die tägliche Zahl der neuen Fälle in diesem Land betrachtet“. Didier Trono

Ende des Zitats

Didier Trono relativiert den Erfolg des schwedischen Modells: „Es funktioniert nicht so gut, wenn man die Zahl der Todesfälle durch Covid-19 und die tägliche Zahl der neuen Fälle in diesem Land betrachtet“.

Und in der Praxis „hat das schwedische Modell Gemeinsamkeiten mit der Schweizer Methode. Ein grosser Teil der Menschen arbeitet von zu Hause, viele Cafés und Restaurants sind nicht geöffnet, und die Bevölkerung respektiert die Abstandsregel.“

Ein schwedischer Freund vertraute mir an, dass es dort einfacher sei, den Menschen zu raten, die soziale Distanz zu respektieren, weil sie eh schon einen grossen Teil des Jahres zu Hause bleiben, wo es warm und gemütlich sei. Für Menschen aus Südeuropa, die sich oft physisch näher kommen, ist das Social Distancing einschränkender ist“.

Bis es einen Impfstoff gibt, liegt für einige die Hoffnung, Covid-19 zu bekämpfen, auch darin, die Pandemie durch die so genannte Herdenimmunität einzudämmen. Auch Didier Sornette glaubt an diese beabsichtigte Durchseuchung. Vor allem, um „unbeabsichtigte Folgen von möglicherweise wiederkehrenden Lockdowns zu vermeiden“.

In Wirklichkeit weiss niemand, ob das Coronavirus nicht schon in diesem Sommer wieder verstärkt auftauchen wird – in der ominösen zweiten Welle.

(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch

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