Warum Leute meine Schweizer Identität ignorieren

von redaktion

Alexandre Afonso sagt, dass viele Menschen Schwierigkeiten hätten, ihn aufgrund seines Familiennamens und Aussehens als Schweizer zu sehen.

Alexandre Afonso

Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen, besitze einen Schweizer Pass und spreche meine Muttersprache Französisch mit einem deutlichen Akzent aus dem Kanton Waadt. Mein Deutsch und Italienisch sind ziemlich gut. Ersteres habe ich bei meiner Arbeit ziemlich oft verwendet und letzteres als Schulfach gewählt, weil ich in Mathematik sehr schlecht war.

Da ich an der Universität Schweizer Politik unterrichtet habe, weiss ich wahrscheinlich mehr über Politik und Geschichte meines Landes als die meisten Schweizerinnen und Schweizer. Ich weiss zum Beispiel, dass das österreichische Bundesland Vorarlberg 1919 für den Beitritt zur Schweiz stimmte und dass wir dies ablehnten, und ich kann mit gutem Gewissen erklären, warum „Konsens“ ein so wichtiges Merkmal unseres politischen Systems ist.

Ich habe Blaise Cendrars, Friedrich Dürrenmatt und Yakari gelesen. Ich weiss, dass Professor Topolino und Cantonneau zwei Schweizer Wissenschaftler sind, die in den Tim und Struppi-Alben erscheinen. Ich erinnere mich an den Freistoss, den Georges Bregy 1994 an der Fussball-Weltmeisterschaft gegen die Vereinigten Staaten erzielte.

Und doch werde ich, da ich die letzten 12 Jahre im Ausland gelebt habe (in Italien, Deutschland, Grossbritannien und den Niederlanden), selten als Schweizer identifiziert oder nach meiner Schweizer Identität gefragt.

Wenn man mich fragt, woher ich komme, antworte ich immer „aus der Schweiz“ (wo ich geboren und aufgewachsen bin). Da dies oft Erstaunen hervorruft, fühle ich mich immer gezwungen zu erklären, dass meine Eltern aus Portugal stammen und mein Nachname, mein dunkles Haar und mein Teint daher rühren. Dann fällt der Schweizer Teil oft aus dem Gespräch heraus.

Man fragt mich nach Cristiano Ronaldo oder nach schönen Ferienorten an der Algarve. Ich hänge auch sehr an Portugal, wo der grösste Teil meiner Familie lebt, aber ich habe nie dort gelebt. Es erstaunt mich immer wieder, dass mein Name und mein Aussehen den Menschen, die ich treffe, so viel wichtiger erscheinen als wo ich den grössten Teil meines Lebens verbracht habe.

Als ich in Italien lebte, fragte mich ein Franzose, mit dem ich sechs Monate lang regelmässig im Bus Französisch sprach, wo ich Französisch gelernt habe, da es so gut klinge. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob er nicht wusste, dass einige Schweizer Französisch als Muttersprache haben – oder ob er sich nicht vorstellen konnte, dass jemand mit einem Namen wie meinem und diesem Akzent ein Muttersprachler sein könnte.

Als ich in London lebte, gab ich einmal einer prominenten internationalen Wirtschaftszeitung ein ausführliches Interview über Schweizer Wahlen, und mein Name wurde im Artikel nicht einmal erwähnt. Seltsamerweise tauchten die Namen anderer „Experten“ mit eher schweizerisch klingenden Namen auf. Ich nehme an, es klang fundierter, ein Zitat von einem Müller oder einem Lüthi von einer Schweizer Universität zu haben als von einem Afonso vom King’s College London, wo ich damals arbeitete.

Das ist ziemlich frustrierend, weil ich in gewisser Weise viel härter gearbeitet habe, um Schweizer zu sein, als die meisten Schweizerinnen und Schweizer. Ich habe die Einbürgerung beantragt, davor war ich der erste gewählte ausländische Gemeinderat in meiner Heimatstadt.

Ich habe die Sprachen, die Geschichte und die Politik der Schweiz gelernt, aber irgendwie wird mich nichts davon jemals „schweizerisch“ aussehen lassen, weil die Leute scheinbar starre psychologische Kisten im Kopf haben, in welche die Leute „passen“ müssen: Ein Schweizer muss so aussehen, ein Schwede muss so aussehen. Sie assoziieren einen bestimmten Namen oder eine bestimmte Hautfarbe mit einem bestimmten nationalen Stereotyp. Das Problem ist, dass der Name oder das Aussehen der Menschen heutzutage wenig darüber aussagen, was sie sind.

Alexandre Afonso ist ausserordentlicher Professor für Public Policy an der Universität Leiden in den Niederlanden.

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(Übertragung  aus dem Englischen: Giannis Mavris)

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