Darum haben Ausländer mehr Vertrauen in die Behörden als Schweizer

von redaktion
Ausländerausweis B: Das Aufenthaltsdokument für Bürgerinnen und Bürger aus der EU und Efta ist auch eine Art Vertrauensbeweis für die politischen Institutionen der Schweiz. © Keystone / Christian Beutler

Das ist überraschend: Die in der Schweiz lebenden Ausländerinnen und Ausländer übertreffen die Schweizerinnen und Schweizer noch, was das Vertrauen in die politischen Behörden und Institutionen betrifft. Das zeigt der neue Monitor 2020 über die Freiwilligenarbeit.

„Wenn man ehrenamtlich arbeitet, ist man stolz darauf, Teil einer Gesellschaft zu sein“, sagt Sandro Cattacin, der Direktor des Instituts für soziologische Forschung an der Universität Genf. „Und die Existenz eines starken freiwilligen Gefüges stärkt das Vertrauen der gesamten Bevölkerung in die Institutionen.“

Cattacins Aussagen werden durch den neuen Freiwilligen-Monitor 2020 gestützt, den die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft soeben vorgelegt hat.

Von den befragten Personen haben jene, die ehrenamtlich tätig sind, deutlich mehr Vertrauen in ihre Mitmenschen und auch in die Behörden und Institutionen.

Kurz zum SGG-Monitor: Er ist die Referenz in Sachen Freiwilligenarbeit, und diese wiederum ist ein zentraler Pfeiler von Politik und Gesellschaft in der Schweiz.

Freiwilligkeit und Vertrauen Hand in Hand

In der soziologischen Analyse ist die Verbindung zwischen der Freiwilligenarbeit und dem Vertrauen der Menschen in die politischen Behörden und Institutionen Standard, der durch zahlreiche Studien belegt ist.

Im neuen Monitor 2020 ragt eine Erkenntnis heraus: „In der Schweiz lebende Ausländerinnen und Ausländer haben mehr Vertrauen in die politischen Institutionen des Landes als die einheimische Bevölkerung“, schreiben die Autorinnen und Autoren.

Das ist höchst bemerkenswert, geniessen doch die politischen Behörden und Institutionen bei den Schweizerinnen und Schweizer eines der höchsten Vertrauen weltweit

Erstaunlich ist auch der Umfang der Differenz: Fast zwei Drittel der befragten Ausländer berichten von einem hohen Vertrauen in die Institutionen, verglichen mit der Hälfte der Schweizer Bürger.

„Betrachtet man den Anteil der Bevölkerung, der sich als ’sehr zuversichtlich‘ bezeichnet, so zählt sich ein Viertel der Ausländer dazu, gegenüber nur acht Prozent der Schweizer „, sagt der Soziologe Adrian Fischer vom Forschungsinstitut Lamprecht & Stamm, das die Studie in Auftrag gegeben hat. Auch ist der Anteil der Ausländer, die gegenüber den Behörden misstrauisch sind, kleiner als jener der „Inländer“.

Dies ist umso erstaunlicher, als ausländische Personen, auch wenn sie schon Jahrzehnte in der Schweiz leben und hier Steuern zahlen, keinerlei politischen Rechte haben. Nur gut 600 von 2202 Gemeinden räumen Ausländern ein Stimmrecht auf kommunaler Ebene ein.

Heterogene Gruppe mit vielen Einstellungen

Die Kategorie „Ausländer“ ist aber keineswegs homogen. Sie unterscheidet nicht zwischen Kriterien, die einen starken Einfluss auf die Antworten resp. Einstellungen haben können. Denn diese sind auch geprägt von Faktoren wie Herkunftsland, Aufenthaltsdauer in der Schweiz, Aufenthaltsstatus, soziale Schicht oder Bildungsniveau.

Dennoch bestätigen diese Ergebnisse jene von früheren Erhebungen wie dem Freiwilligen-Monitor 2016. Sie stehen auch im Einklang mit den jüngsten Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zu diesem Thema.

Nicht Herkunftsland ist prägend

Ein intuitiver Ansatz zur Erklärung der Diskrepanz wäre ein objektiver Vergleich der jeweiligen Herkunftsländer mit der Schweiz. Ein Teil der Ausländer würde das Schweizer System im Vergleich zu ihrem eigenen Land als besonders effizient, ehrlich usw. betrachten. 

Auch wenn diese Hypothese nicht ausgeschlossen werden kann, würde sie logischerweise besonders das Vertrauen jener Menschen erklären, die aus Ländern mit weniger Demokratie als die Schweiz stammen oder aus diktatorischen Regimes.

Die Zahlen des BFS, aufgeschlüsselt nach Herkunftsgebiet der Ausländerinnen und Ausländer, zeigen jedoch, dass die Zuwanderer aus Nord- oder Westeuropa – wo auch die politischen Institutionen in der Regel ein hohes Vertrauen geniessen – auch diejenigen sind, die den Schweizer Behörden am meisten Anerkennung zollen. Dies deutet darauf hin, dass doch eher andere, subjektive Faktoren eine Rolle spielen.

Hoher Assimilationsdruck

Sandro Cattacin sieht darin vor allem ein Zeichen für den „verstärkten Druck zur Einhaltung der Regeln“, den Ausländer empfinden. Laut dem auf Migrationsfragen spezialisierten Soziologen fühlen sich Einwanderer unter Druck, sich gefügiger und angepasster zu verhalten. Dies, um in ihrem Gastland akzeptiert zu werden.

Dies könnte zu einem verstärkten Engagement in Politik und/oder Verbänden führen – was mit dem Vertrauen in Institutionen einhergeht – und ganz allgemein zu einem Verhalten gegenüber dem Staat, das als richtig erachtet wird. „Wenn man Schweizer ist, kann man es sich leisten, Institutionen das Misstrauen auszusprechen, aber nicht, wenn man Ausländer ist“, sagt der Forscher, der selber auch Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Monitors für Freiwilligenarbeit ist.

„Schweizer wird man nicht, indem man Fondue isst, sondern indem man an Föderalismus und direkte Demokratie glaubt.“ 

Sandro Cattacin

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Der Soziologe stellt sogar die Hypothese auf, dass in der Schweiz in Ermangelung anderer klarer Kennzeichen der nationalen Identität die Integration von Ausländern durch diesen „institutionellen Patriotismus“ erfolgen würde. „Hier wird man nicht Schweizer, indem man Fondue isst, sondern, indem man an Föderalismus und direkte Demokratie glaubt“, vermutet Cattacin.

Migration als einschneidende Lebenserfahrung

Vielleicht gibt es hier eine schweizerische Besonderheit. Doch nicht nur in der Schweiz wächst das Vertrauen der Einwanderer in die Institutionen ihres Gastlandes. Anita Manatschal, Assistenzprofessorin für Migrationspolitik an der Universität Neuenburg, verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2010 über das politische Vertrauen und die Zufriedenheit von Immigranten in rund 20 europäischen Ländern.

Der Autor der Untersuchung verband Vertrauen mit subjektiven Integrationsfaktoren, die mit den zeitlichen Phasen der Migration zusammenhängen. Er kam damals zum Schluss, dass Einwanderer der ersten Generation, die den schwierigen Prozess des Länderwechsels durchlaufen haben, einerseits geringere Erwartungen an die neue Lebenswelt haben und andererseits die Aufnahmegesellschaft eher positiv bewerten.

„Zweite Generation“ gleicht sich an

Die Studie zeigte ferner, dass Ausländer der zweiten Generation in Bezug auf Vertrauen und politische Zufriedenheit sich den Werten der Inlandbevölkerung angleichen. „Sie sind in der selben Gesellschaft aufgewachsen und werden wahrscheinlich ihre Ansichten über die politischen Institutionen dieser Gesellschaft teilen“, so der Forscher.

Ein Punkt im Monitor deckt sich mit seinen Erkentnissen: Mit 57% liegt der Anteil der Binationalen, die ein hohes Vertrauen in die Behörden haben, genau in der Mitte zwischen den Werten der Ausländer und jenen der Schweizer Bürger.

Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass sich die Wahrnehmungskluft mit der Integration in die Gesellschaft und der tatsächlichen, konkreten Erfahrung ihrer Institutionen verringert.

Sehr hohes Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer in den Staat

Die Schweizer Behörden geniessen weltweit eines der höchsten öffentlichen Vertrauensniveaus. Die Daten von Eurostat zeigen auch, dass die Schweiz das einzige europäische Land ist, in dem das Vertrauen in politische Institutionen höher ist als das in andere Institutionen. Föderalismus, direkte Demokratie und die grosse Nähe zwischen Institutionen und Bevölkerung tragen dazu bei.

Es ist nützlich, das Vertrauen der Menschen in ihre Institutionen zu messen, denn das ermöglicht, die Überzeugungskraft des Staates einzuschätzen. „Je höher das Vertrauen in den Staat, desto weniger muss er Gewalt anwenden, um die öffentliche Politik umzusetzen“, erklärt Sandro Cattacin.

Für den Soziologen ist es auch dem hohen Vertrauen zu verdanken, dass die Schweizer Behörden während der Coronavirus-Krise stark auf die Selbstverantwortung der Menschen setzen konnten. Und trotzdem: Das Ergebnis der Schweiz im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie ist absolut mit dem von Ländern vergleichbar, die zentralistische und rigorose Massnahmen zur Eindämmung verhängten.

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Übertragung aus dem Französischen: Renat Kuenzi

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