Neo-Banken als neue Herausforderung für den Finanzplatz Schweiz

von redaktion
Für die jungen Generationen wird das Smartphone zum Bankschalter. © Keystone / Christian Beutler

Dieser Inhalt wurde am 29. Juli 2020 – 11:00 publiziert

Neue digitale Banken, so genannte Neo-Banken, erobern die Schweiz, obwohl sie keine einzige Filiale mit Schalter haben. Innerhalb eines Jahres hat beispielsweise die Zürcher Neon bereits 30’000 Kunden gewonnen. Angeboten werden Kreditkarten sowie digitale Bankdienstleistungen in innovativer und transparenter Form. Zu äusserst günstigen Konditionen.

Die digitale Bank hat keinen Sitz am repräsentativen Paradeplatz im Herzen von Zürich, noch heute ein Symbol für das Schweizer Bankenwesen. Neon befindet sich an einer befahrenen Strasse in Richtung der Peripherie. In den Büros keine Kunstwerke, gestylte Möbel oder Marmorböden. Stattdessen fast nur ein simples Grossraumbüro mit einer minimalen und funktionalen Einrichtung, ein typisches Outfit für ein Startup-Unternehmen, das seine Anstrengungen vollkommen auf die Produktentwicklung konzentriert.

Die Neo-Bank braucht auch keine Filialen und Schalter. Sie kommuniziert mit ihren Kunden ausschliesslich über digitale Kanäle. Es sind Kunden, welche ihre Bankgeschäfte schnell und simpel abwickeln wollen, vor allem aber die Gebühren einsparen wollen, die bei den traditionellen Banken in den letzten 10 bis 20 Jahren explodiert sind. Bei Neon reicht ein Smartphone für die Kontoeröffnung und für alle anderen Bankoperationen.

„Wir erkannten, dass in diesem Markt in der Schweiz immer noch eine Lücke besteht. Daher beschlossen wir, unsere Arbeitsplätze aufzugeben und ein eigenes Unternehmen zu gründen“, sagt Jörg Sandrock, Geschäftsführer und Mitbegründer von Neon.

Das Startup wurde von vier jungen ehemaligen Finanzberatern ins Leben gerufen. Nach einer ersten Testphase startete das Unternehmen im März 2019 offiziell seine Banking-App und konnte in etwas mehr als einem Jahr über 30’000 Kundinnen und Kunden gewinnen.

Keine oder kaum Gebühren

Ein Konto lässt sich in wenigen Minuten eröffnen: Kundinnen und Kunden werden aufgefordert, ein Foto eines amtlichen Ausweises einzureichen, und die Daten werden mittels Videoanruf oder einem von der Finma (Eidgenössische Finanzmarktaufsicht) genehmigten digitalisierten Identifikationsverfahren überprüft.

Die Kundin oder der Kunde erhält dann eine Debitkarte für Einkäufe in der Schweiz oder im Ausland und verfügt über ein Bankkonto, das einem normalen Girokonto entspricht. Das heisst: Über dieses Konto können Gutschriften (etwa das Gehalt) erfolgen sowie Überweisungen im In- und Ausland getätigt werden.

Neo-Banken wie Neon gewinnen wichtige Marktanteile im Bankensektor, da sie im Allgemeinen viel funktionellere und innovativere Lösungen für Online-Zahlungsvorgänge anbieten als die „alteingesessenen Banken“. Zudem integrieren sie in ihre Apps leichter Zahlungsdienste wie Samsung Pay.

Die meisten traditionellen Banken berechnen hingegen nicht nur eine jährliche Gebühr zwischen 50 und 100 Franken für eine Standard-Kreditkarte, sondern auch einen Zuschlag zwischen 1,5% und 2,5% für jede Zahlung sowie einen weiteren Zuschlag von ca. 2,0% auf den Wechselkurs bei einem Einsatz im Ausland. Wird Geld an einem Geldautomaten abgehoben, muss häufig eine Kommission von 10 Franken bezahlt werden.

Strukturwandel im Gang

Ein günstigeres und zumeist auch transparenteres Angebot in Bezug auf die Gebühren und die Kontoführung erklärt den raschen Erfolg der Neo-Banken in vielen europäischen Ländern und – in den letzten Jahren – auch in der Schweiz.

Im vergangenen Jahr hatte die britische Digital-Bank Revolut den Schweizer Bankensektor ein wenig durchgeschüttelt, als sie ankündigte, 250’000 Kundeninnen und Kunden in der Schweiz gewonnen zu haben, fast ohne Geld in Werbung zu stecken. In der Zwischenzeit ist die App von Revolut 300’000 Mal heruntergeladen worden – eine Zahl, die viele Schweizer Banken neidisch macht.

Der Erfolg dieser Neo-Banken – sie werden auch „Mobile-„, „Smartphone-“ oder „Challenger-Banken“ genannt – zeigt einen Strukturwandel in der Bankenbranche auf. Für viele Finanzdienstleistungen ist die physische Nähe einer Bank zur Kundschaft oder eine direkte Beziehung zu einem Bankkundenberater von immer geringerer Bedeutung.

Zudem befindet sich das Internet-Shopping seit Jahren auf dem Vormarsch und ist nun mit der Coronavirus-Krise förmlich explodiert. Neue Akteure sind in diesem Online-Zahlungsverkehr aufgetaucht, angefangen von den Giganten des Internets, die zunehmend an der Entwicklung neuer Finanzdienstleistungen interessiert sind.

Die Geldpolitik der Zentralbanken, die auf Nullzinsen oder sehr niedrigen Zinssätzen basiert, hat zudem die Gewinnmargen der traditionellen Banken drastisch reduziert – Margen, die früher ausreichten, um der Kundschaft Konten und Zahlungsdienste zu Pauschalsätzen oder kostenlos anzubieten. Vor etwa zwanzig Jahren begannen die Banken, immer höhere Gebühren und Provisionen für Transaktionen zu erheben, was viele Kunden veranlasste, nach Alternativen zu suchen.

Der Druck fehlte

Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBV) unterstrich kürzlich die Bedeutung der Digitalisierung von Finanzdienstleistungen und betonte dabei die Fortschritte, welche die Schweizer Banken in diesem Bereich gemacht haben.

Tatsächlich schliessen viele Banken ihre Filialen oder wandeln diese in reine Beratungszentren um. Bislang erscheinen jedoch viele E-Banking-Angebote, angefangen bei Apps, immer noch zu unattraktiv, um diejenigen zu ködern, die in der digitalen Welt zu Hause sind. Nur eine einzige traditionelle Bank, Cler, hat eine App entwickelt, die mit der App der Neo-Banken vergleichbar ist.

Haben die Schweizer Banken die Entwicklung verschlafen? „Das glaube ich nicht, aber vielleicht waren sie ein wenig gelähmt, da sie schwerfällige Organisationsstrukturen aufweisen“, bemerkt Sandrock. „Und vielleicht fehlte in der Schweiz auch der Druck, etwas zu bewegen, so wie in anderen Ländern. In Spanien zum Beispiel waren einige Banken nach der Finanzkrise von 2008 gezwungen, eine neue Strategie zu ergreifen, um zu überleben. Oder in England ist der Wettbewerb seit Jahren so stark, dass mehrere Banken nach neuen Lösungen suchen mussten.“

Bisher werfen die Neo-Banken noch keinen Schatten auf die traditionellen Schweizer Banken. Neue ausländische Anbieter, wie Revolut oder Transferwise, können fast ausschliesslich Kreditkartendienste oder internationale Bezahldienste anbieten.

Die Rentabilität in diesen Bereichen ist nicht im Entferntesten mit derjenigen der Vermögensverwaltung vergleichbar, die den Schweizer Finanzplatz reich gemacht hat. Aber eine gewisse Nervosität ist bei den traditionellen Banken angesichts des raschen Wachstums der „Challenger“-Banken in einem zunehmend offenen und wettbewerbsorientierten Markt zu spüren.

Zusammenarbeit mit Partnern

Die Neon-Manager sind jedenfalls überzeugt, dass sie in diesem Markt ihren Platz finden können. Gemäss einer im letzten Jahr veröffentlichten Studie des Online-Vergleichsportals Moneyland war die neue Zürcher Bank im Vergleich zu ausländischen Konkurrenten und traditionellen Schweizer Banken am vorteilhaftesten. Verglichen wurden die Preise für Dienstleistungen, Kommissionen, die Wechselkurse sowie die Gesamtkosten für die Verwendung von Kreditkarten.

„Im Vergleich zu ausländischen Neo-Banken haben wir den Vorteil, dass wir unserer Kundschaft ein Schweizer Bankkonto anbieten können, auf dem sie ihren Lohn erhalten und ihre üblichen Inlandzahlungen über QR-Rechnungen, ‚eBill‘, usw. tätigen können. Wir bieten auch mehr Sicherheit, weil alle Bankdaten in der Schweiz bleiben und wir der nationalen Gesetzgebung unterstehen, die eine Kontodeckung bis zu 100’000 Franken garantiert“, betont Sandrock von Neon.

Das Startup-Unternehmen verfügt über kein eigene Banklizenz, arbeitet aber mit der Hypothekarbank Lenzburg zusammen, die für die Kontoführung zuständig ist. Neon kann auch eine Reihe von Bankdienstleistungen nicht anbieten, beispielsweise die Wertpapierverwaltung oder die Vergabe von Hypothekarkrediten.

„Von einer traditionellen Bank unterscheidet uns die Tatsache, dass wir nicht jedes Finanzprodukt entwickeln und anbieten wollen, sondern lieber mit spezialisierten Partnern in Bereichen zusammenarbeiten, die wir selbst nicht abdecken“, erklärt der Neon-Chef.

Und fügt an: „Ich glaube, dass dies wahrscheinlich die Zukunft des Bankbusiness sein wird, da es immer schwieriger sein wird, Mehrwert und Rentabilität durch die eigenständige Entwicklung aller unterschiedlichen Produkte zu erzielen.“

(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Weitere Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar