Warum ausländische Frauen eher Karriere machen

von redaktion
In der traditionellen Schweizer Familie bleibt die Frau zu Hause und kümmert sich um Heim und Kinder. Dieses Modell ist schwer mit einer beruflichen Karriere zu vereinbaren. Keystone / Gaetan Bally © Keystone / Gaetan Bally

Das in der Schweiz verbreitete Modell der Familienarbeitsteilung, bei dem sich die Mutter um die Kinder kümmert und der Ehemann Vollzeit arbeitet, benachteiligt die Schweizer Frauen in ihrer beruflichen Laufbahn doppelt: nicht nur gegenüber ihren männlichen Kollegen, sondern auch gegenüber ihren ausländischen Kollegen.

Dieser Inhalt wurde am 06. August 2020 – 09:00 publiziert

In der Schweiz sind immer mehr Frauen in der Privatwirtschaft tätig. Die überwiegende Mehrheit der weiblichen Beschäftigten spielt jedoch nach wie vor eine untergeordnete Rolle. Ungefähr 65% aller Beförderungen in Unternehmen betreffen männliche Mitarbeiter, obwohl viele Frauen qualifiziert sind.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie von «Advance» und der Universität St. Gallen. Die Analysen des dortigen «Competence Centre for Diversity & Inclusion» zeigen zudem auch, dass ein höherer Beschäftigungsgrad zu einer besseren Vertretung in Kaderpositionen führt. Die tieferen Pensen der Schweizerinnen hätten also einen negativen Einfluss auf ihre Aufstiegsmöglichkeiten.

Mehr Ausländerinnen auf Kaderstufe

Der „Gender Intelligence Report“ wird jährlich von der Organisation «Advance» zusammen mit dem Kompetenzzentrum für Diversity und Inklusion der Universität St. Gallen publiziert. Der Bericht erscheint 2019 zum dritten Mal. Es wurden Daten von 263’000 Mitarbeitenden aus 55 Unternehmen ausgewertet.

Bei den Frauen nimmt der Anteil an Ausländerinnen mit steigender Kaderstufe zu. Von 27 Prozent im Nicht-Kader steigt er auf 39 Prozent in den höheren Kaderpositionen. Zudem haben Ausländerinnen eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine Kaderposition zu erreichen.

Der einfachste Weg? Daheim zu bleiben

Dies erstaunt die Macher der Studie laut eigener Aussage, denn die Zahl der gut qualifizierten Frauen in der Schweiz sei hoch.

Gemäss der Präsidentin von BPW Schweiz (Business and Professional Women), Claudine Esseiva, stellen sich junge Paare vor dem Kinderkriegen nicht die Frage, wie sie ihren Alltag organisieren sollen. Wenn sie also mit dem Problem konfrontiert werden, wählen sie den Weg, der ihnen am wenigsten kompliziert erscheint. Hier erklärt Claudine Esseiva, wie sie ihre Rolle als Mutter und Managerin bewältigt.

Ein Erklärungsmodell der Forscher sieht das traditionelle Rollenbild sowie stereotype Vorstellungen von Eltern- bzw. Mutterschaft als Ursache. „In anderen Kulturen ist es sehr viel üblicher, Kinder von Drittpersonen betreuen zu lassen“, sagt Gudrun Sander, Professorin an der Universität St. Gallen.

Kinder führen zu tieferen Pensen

In der Schweiz hingegen sei zumeist nur die Mutter für die Kinderbetreuung verantwortlich. Das würde dazu beitragen, dass es vor allem Schweizerinnen sind, die in tieferen Pensen arbeiten und dadurch für den Aufstieg aus dem Rennen fallen.

Um das wett zu machen, müssten Schweizerinnen ihren Beschäftigungsgrad erhöhen. Bei den an der Studie teilnehmenden Unternehmen lag dieser bei 85 Prozent – nötig wären in den heutigen Strukturen 5 bis 10 Prozentpunkte mehr. Die Unternehmen ihrerseits müssten vor allem flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten, damit die Familienbetreuung gewährleistet werden kann.

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Gefordert sei deshalb die Politik, meint die Dänin Anita Eckardt, die ab September in der Geschäftsleitung des Baukonzerns Implenia sitzt. „Hier müssten Schritte auf den Weg gebracht werden, damit den Familien unter die Arme gegriffen wird und es einfacher ist, das Familienleben zu gestalten, wenn beide Elternteile berufstätig sind.“

swissinfo.ch befragte eine Reihe von Frauen aus verschiedenen Ländern, Mütter, die in der Schweiz arbeiten, nach ihrer Meinung.

Für Gie Santian, eine chinesische Mutter von drei Kindern, die bei einer Schweizer Bank für das Risikomanagement zuständig ist, ist es wichtig, „strenge Disziplin“ zu haben.

Die chilenische Ingenieurin Lorena Ortega, Mutter von zwei Kindern, vertraut auf die Familie, um ihr dabei zu helfen, ihre verschiedenen Aktivitäten unter einen Hut zu bringen.

Auch für die Japanerin Miho Habel, die die Genfer Niederlassung von All Nippon Airways ins Leben rief, wäre ihre Karriere nicht möglich gewesen, wenn ihre Familie ihr bei der Betreuung ihres Sohnes nicht geholfen hätte.

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