Baden und Wallis: Champions und Sünder der Raumplanung

von redaktion
Weinberge oberhalb von Sierre im Rhonetal. Stephan Torre

Anhand der Beispiele der Stadt Baden und des Kantons Wallis zeigen wir Fehler und Best Practices der Schweizer Raumplanung.

Dieser Inhalt wurde am 17. August 2020 – 13:00 publiziert

Der Kanton Wallis sagte 2013 als einziger Kanton Nein zur Revision des Raumplanungsgesetzes. Während insgesamt 62,9 Prozent der Stimmbevölkerung Ja sagten, kamen die Befürworter im Kanton Wallis nur gerade mal auf 19,6 Prozent.

Das ist kein Zufall: Im Kanton Wallis müssen die Gemeinden besonders viel Land rückzonen. Hier leben überdurchschnittlich viele Haus- und Bodenbesitzer. Klar, dass ein Wertverlust von Grundstücken hier nicht gut ankommt.

Besonders in den 1970er- und 1980er-Jahren hatte der Kanton hohe touristische Erwartungen – die sich nicht im erhofften Mass erfüllten – und machte zu viele Flächen am falschen Ort zu Bauland. Das war die Raumplanungssünde Nummer Eins.

„Dies war nicht nur im Kanton Wallis der Fall“, relativiert Damian Jerjen, Direktor von Espace Suisse, der früher selbst in der Raumplanung des Kantons Wallis tätig war. „Gerade in ländlichen und touristisch geprägten Gebieten hatte man zu hohe Erwartungen an die wirtschaftliche Entwicklung und das Bevölkerungswachstum.“

Raumplanungssünden im Wallis

Der Kanton Wallis gilt auch sonst als Prototyp der Schweizer Raumplanungssünden: Besonders das Haupttal ist durch Industrie und verstreute Siedlungen verunstaltet.

Das zersiedelte Rhonetal. Stephan Torre / Keystone

„Sünden wurden vor allem in der Talebene des Haupttals begangen, welche ähnlich wie im Mittelland eine hohe Zersiedlung aufweist „, sagt Jerjen. „Also dort, wo die wirtschaftliche Entwicklung stattfindet.“

Hingegen seien die ländlich geprägten Seitentäler, gerade im Oberwallis, nicht von Bausünden oder Zersiedelung betroffen. „Die alten Dörfer im Goms gehören beispielsweise zu den am dichtesten gebauten in der Schweiz.“

Die Gemeinde Ernen im Goms. Sepp Spiegl / Süddeutsche Zeitung Photo

Laut Jerjen gibt es im Kanton Wallis auch Beispiele einer gelungenen Raumplanung. So die Stadt Sitten, die 2013 – wie die Stadt Baden 2020 – den Wakkerpreis erhielt. Sie hat viele attraktive öffentliche Räume geschaffen. Im Rahmen eines Pilotprogramms passt Sitten die Raumplanung dem Klimawandel an.

Wakkerpreis:

Der Wakkerpreis ist eine Auszeichnung durch den “Schweizer Heimatschutz” (SHS) und wird seit 1972 vergeben, um vorbildliche Leistungen in der Siedlungsentwicklung öffentlich zu würdigen.

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Das Kapuziner-Kloster in Sitten trägt zum aussergewöhnlichen Stadtbild bei. Gaetan Bally / Keystone
Der Bahnhofplatz mit dem Busbahnhof von Sitten. Keystone / Gaetan Bally

Auch auf etwas anderes weist Jerjen hin: „Das Wallis hat einen Vorteil: Die meisten Orte sind für einen Bergkanton relativ gut erreichbar. Fast 90 Prozent der Bevölkerung wohnen weniger als 25 Fahrminuten vom nächsten Zentrum des Haupttals entfernt.“ Das liege an der Topografie: Das Wallis besteht aus einem Haupttal mit Seitentälern. „Die Tourismusstationen zuhinterst in den Seitentälern funktionieren wie kleine Städte und sind gut mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen. Davon profitieren auch die Siedlungen dazwischen.“ Abgeschnittene und aussterbende Ortschaften wie in anderen Bergkantonen gebe es im Kanton Wallis praktisch nicht.

Verkehrsgeplagte Zentrumsstadt Baden

Davor, von der Schweiz abgeschnitten zu sein, muss auch das Limmatstädtchen Baden im Mittelland keine Angst haben. 1847 wurde zwischen Baden und Zürich die erste vollständig auf Schweizer Grunde stehende Bahnlinie eröffnet. Heute ist man mit dem Zug in16 Minuten in Zürich, die Stadt hat einen eigenen Autobahnschluss und es bestehen gar Pläne für eine Tramlinie, die von Zürich entlang der Limmat bis nach Baden führen soll.

Diese Verkehrstechnisch exponierte Lage bringt Schwierigkeiten mit sich. Gleich neben der Badener Altstadt befindet sich der Schulhausplatz, mit täglich 50’000 Fahrten eine der meistfrequentierten Kreuzungen der Schweiz. Das Nadelöhr Schulhausplatz bedeutete lange Jahre Stau, Lärm und ein mühsames Hindernis für Fussgängerinnen und Fussgänger.

Von 2015 bis 2018 wurde der Schulhausplatz für 100 Mio. Franken aufwändig saniert. Anstelle einzelner engen Unterführungen entstand unter der Kreuzung ein unterirdischer Platz mit Cafés und Läden für Fussgänger und Velofahrerinnen. Die Busse verkehren nun durch einen eigens angefertigten Busstunnel und vermeiden so den Verkehr auf der Strasse.

Der Schulhausplatz in Baden. © Keystone / Christian Beutler

Baden investiert vorbildlich in öffentliche Freiräume

Unter anderem wegen der Aufwertung des Schulhausplatzes hat die Stadt Baden den Wakkerpreis 2020 erhalten. Die „verkehrsgeplagte Zentrumstadt“ habe mit klugen Investitionen in öffentliche Freiräume Lebensqualität zurückgewonnen, begründet das Komitee.

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Wakker-Preis geht an Baden

Baden habe über viele Jahre hinweg beharrlich in die Aufwertung der Plätze und Strassenräume investiert. Das gilt nicht nur für den Schulhausplatz. Die Innenstadt ist seit einiger Zeit autofrei und neben der Verdichtung hat die Stadt nicht vergessen, neue Freiräume zu schaffen.

So entstanden in den vergangenen Jahren neue Plätze: 

Der Theaterplatz, der zuvor als Parkplatz diente. Schweizer Heimatschutz / Christian Beutler
Der Trafoplatz mit dem Kino Trafo im Hintergrund. Keystone / Christian Beutler
Der Alte Stadtfriedhof erhielt eine neue Bestimmung als ruhiger Erholungsort und Quartierspielplatz. Schweizer Heimatschutz / Christian Beutler

Verkehrslast als Symptom eines regionalen Problems?

Nicht alle sehen die Stadtplanung in Baden derart positiv. Oft wird bemängelt, dass die neuen öffentlichen Plätze wenig einladend und zu wenig belebt sind.

Das gilt auch für den Schulhausplatz, bei dem die Fussgänger in den Untergrund verbannt sind, während dem die Autos im Stau die Sonne geniessen dürfen. Dies sei technisch nicht anders möglich gewesen, da unter dem Schulhausplatz zu allem Überfluss auch noch ein Eisenbahntunnel durchführt.

Das Grundproblem des Schulhausplatzes bleibt jedoch weiterhin bestehen: der Verkehr. Die Badener Stadtforscherin Sibylle Wälti sieht das als Ausdruck eines grösseren Problems.

In der Architekturzeitschrift “Hochparterre” schreibt Wälti: “Es ist klar, warum dieser Verkehrsknoten der meistbefahrene im Aargau ist: nur ein Bruchteil jener, die in Baden arbeiten und einkaufen, können hier auch wohnen”. Baden habe in den letzten Jahren Arbeitsplätze geschaffen, die umliegenden Gemeinden fokussierten sich währenddessen auf verkehrsabhängigen Wohnungsbau.

Damit macht Wälti auf ein grundsätzliches Problem des Mittellandes aufmerksam. Der Kanton Aargau, in dem die Stadt Baden steht, ist besonders stark von der Zersiedelung betroffen. Wie das Wallis muss der Aargau kräftig Bauland rückzonen.

Wältis sieht als Lösungsansatz verdichten und Wohnraum schaffen: “Es braucht eine Stadt der kurzen Wege”.

Grosse Herausforderung steht noch bevor

Baden hat als Zentrumsstadt durchaus vor, in den nächsten Jahren mehr Wohnraum zu schaffen. Das ist nötig: Laut Prognosen muss die Stadt bis 2040 mit einem Bevölkerungswachstum von über 30 Prozent rechnen.

Der Platz dafür ist knapp, 97 Prozent der Wohn- und Mischzonen sind bereits überbaut. Die grössten Potentiale für die Verdichtung bestehen dann auch nicht im Zentrum der Stadt, sondern in den Quartieren am Stadtrand. Ob das der Verkehrsbelastung weiterhilft? Wir werden es sehen.

Serie Raumplanung

In einer Serie gehen wir aktuellen raumplanerischen Fragen in der Schweiz nach. Hier einige Beiträge: 

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