Der Hüter der rauen Schönheit

von redaktion
Sonlerto im Bavonatal. swissinfo.ch

Er heisst Tiziano Dadò. Von Beruf ist er der „Teciatt“, also ein Handwerker, der die Dächer und andere Teile traditioneller Gebäude im Tessiner Bavonatal restauriert und wiederaufbaut.

Dieser Inhalt wurde am 27. August 2020 – 13:45 publiziert

Mattia Lento

Es war zu Beginn der 1930er-Jahre, als sich die deutsche Filmregisseurin Leni Riefenstahl im Tessin aufhielt. Genauer gesagt stand sie im Dorf Foroglio im Bavonatal (Val Bavona) für ihren Film Das blaue Licht (1932) zum ersten Mal hinter der Kamera.

Für die Künstlerin war das damals isolierte Seitental des Maggiatals in der Region Locarno eine Quelle grosser Inspiration. Durch die Komposition filmischer Bilder von grosser Wirkung stellte sie ihr Talent unter Beweis.

So begann Riefenstahl ihre schillernde und umstrittene Karriere als Regisseurin. Obwohl ihre Filme Propagandawerke für das nationalsozialistische Regime waren, gelten sie bis heute als Meisterwerke der Filmgeschichte.

Im Film sind neben den lokalen Naturschönheiten, allen voran der Wasserfall von Foroglio, auch die zahlreichen Häuser zu sehen, die aus lokalem Stein aus dem Bavonatal gebaut worden waren. Diese Gebäude in Foroglio und in den anderen elf Dörfern des Tals sind heute praktisch immer noch die gleichen.

Externer Inhalt

Das Bavonatal ist ein Seitental des Maggiatals im Kanton Tessin

Intaktes Kulturerbe

Das architektonische Erbe des Tals geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Es war die Zeit der so genannten kleinen Eiszeit, die einen grossen Exodus der Bevölkerung des Bavonatals verursachte. „Mit dem Wiederanstieg des Klimas – ein Phänomen, das bereits im 15. Jahrhundert begann – nahmen auch die Naturkatastrophen zu“, sagt der Historiker Flavio Zappa.

Die Lebensbedingungen in den Schweizer Alpen waren schon immer schwierig, aber im Bavonatal waren sie schier unmöglich: Die Abgeschiedenheit des Tals, die Rauheit der Natur und die geringe Menge an Land, das bebaut oder als Weideland genutzt werden konnte, machten dieses Gebiet ausgesprochen unwirtlich.

Foroglio mit seinem berühmten Wasserfall, einem der Wahrzeichen des Bavonatals. swissinfo.ch

Dem Schriftsteller Plinio Martini gelang mit dem Roman „Il fondo del sacco“ (Nicht Anfang und nicht Ende. Roman einer Rückkehr, 1970) ein Werk, das die Atmosphäre des Tals im frühen zwanzigsten Jahrhunderts wiedergibt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich vieles: Die neue Strasse Cavergno-San Carlo (1962), die das Bavonatal viel besser zugänglich machte, und die Wasserkraftwerke im Tal brachten Tourismus und Entwicklung.

Die neue Aufmerksamkeit, die dem Tal zuteil wurde, hätte zu einer Verschandelung der Landschaft führen können. Doch glücklicherweise ist dies nicht geschehen: Dank dem ziemlich restriktiven Zonenplan, den die lokalen Behörden 1985 einführten, konnte das Gebiet perfekt erhalten bleiben.

Dieser Plan wäre jedoch nutzlos gewesen, hätte es keine Persönlichkeiten gegeben, die ihn in die Praxis umsetzten. Einer von ihnen ist Tiziano Dadò. Der 1961 geborene Kunsthandwerker, der mit seiner Frau in Cavergno und im Dorf Fontanellata lebt, kümmert sich seit Jahren um die Häuser im Tal.

Einen Beruf gerettet

Tiziano Dadò mit seiner Frau vor ihrem Haus in Fontanellata. swissinfo.ch

Wir treffen Dadò in seinem Haus in Fontanellata – ein kleines traditionelles Haus mit Blick auf die Berge am Ende des Tals. Der Kunsthandwerker ist im Bavonatal aufgewachsen und spricht daher den lokalen Dialekt.

Von März bis Oktober lebt das Ehepaar in Fontanellata. Im Winter nehmen sie Zuflucht in Cavergno, einem Dorf am Eingang des Bavonatals, wo das Leben angenehmer ist.

In diesen Gegenden und im nahe gelegenen Maggiatal, wo er als Maurer auf Baustellen arbeitete, entdeckte er einen Beruf, der zum Verschwinden verurteilt schien: „Teciatt“ (Dachdecker). Ein Beruf, der heute sehr gefragt ist.

„Heute haben jene, die in diesen Gebieten mit Steinbauten arbeiten, viel Arbeit, weil der Masterplan absoluten Respekt vor den lokalen architektonischen Besonderheiten verlangt. Dies zwingt die Eigentümer, hochspezialisierte Berufsleute einzustellen, die das Gebiet perfekt kennen“, sagt Dadò.

„Wer hier ein Haus restaurieren will, darf nur einheimisches Material verwenden – Granit aus dem Steinbruch von Riveo oder Cevio – und muss genaue Regeln einhalten, wie zum Beispiel die Neigung des Dachs oder die Form der Steinplatten.“

Methode und Aufwand

Die Wiederherstellung eines Steindachs ist keine einfache Angelegenheit. Dadò versorgt sich selbst im Steinbruch von Riveo, wo er den Granit in grober Form erhält. Danach formt er jede einzelne Steinplatte von Hand. Sobald sie fertig bearbeitet ist, muss er die Schieferplatte auf das Dach bringen und dort befestigen.

„Früher machte ich alles von Hand. Jetzt benutze ich einen Kran oder Lastenaufzug. Aber es geht dabei immer darum, Tonnen von Material zu bearbeiten und zu bewegen.“ Um ein solches Schieferdach wieder aufzubauen, braucht man mindestens eine Woche und viel Geld: „Die Material- und Arbeitskosten liegen bei fast tausend Franken pro Quadratmeter“, sagt Dadò. „Glücklicherweise subventioniert der Kanton Tessin diese Arbeiten mit etwa 20% der Kosten.“

Der Kunsthandwerker renoviert aber nicht nur Dächer. Das zeigt sich, als er uns mit Stolz seine „Werke“ zeigt, die von Kopf bis Fuss wieder in ihrem alten Glanz erstrahlen: „Ich kümmere mich auch um die Isolierung der Häuser, die Neugestaltung der Fassaden, der Stützmauern und der Böden. Ich bearbeite Lärchenholz aus dem Tal, um Fenster und Türen zu bauen. Wenn nötig, repariere ich auch die Trockenmauern, welche die Häuser umgeben.“

Dadò ist einer der Hüter der Schönheit der Landschaft des Tals, aber er ist auch ein Meister: „Im Lauf der Jahre habe ich über 30 junge Leute in der Gegend in diesem Beruf unterrichtet. Es braucht Nachwuchs, um den Beruf vorwärts zu bringen.“

Weitere Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar