Schweizer Uhrengeschäfte blicken in düstere Zukunft

von redaktion
Der Schwanenplatz in Luzern vor der Coronavirus-Krise. Heute haben chinesische Touristen die Schweiz verlassen, und die Uhrenverkäufer schauen finster drein. Keystone

Der Zusammenbruch des weltweiten Tourismus trifft die Schweizer Uhrengeschäfte hart. Erst kürzlich hat die Bucherer-Gruppe den Abbau hunderter Stellen angekündigt. Die Corona-Krise erschüttert aber nicht nur die Geschäfte, sondern den gesamten Sektor des Uhrenvertriebs.

Dieser Inhalt wurde am 27. August 2020 – 08:00 publiziert

Unterwegs von Zermatt auf den Gornergrat: Wie so oft Mitten in der Sommersaison, ist der kleine, orangefarbene Zahnradzug auch an diesem strahlenden Julimorgen überfüllt. Das Uhrengeschäft, das 3100 Meter ü.M. auf die Besucher und Besucherinnen wartet, hat seine Türen aber geschlossen.

Normalerweise zieht der Gipfel vor allem internationale Gäste an. An diesem Tag aber kommen die Besucher hauptsächlich aus der Schweiz. Und sie interessieren sich herzlich wenig für den Kauf einer „Swiss Made“-Uhr. Viel mehr bewundern die einheimischen Touristen das Matterhorn und die anderen Giganten der Schweizer Alpen – oft zum ersten Mal aus nächster Nähe.

Verkäufe befinden sich im freien Fall

Das Ausbleiben internationaler Touristen in den letzten Monaten hat die Betreiberinnen und Betreiber von Uhrengeschäften nicht nur in Zermatt, sondern auch in Interlaken, Genf oder Luzern hart getroffen. Nicht verschont blieb auch das grösste Uhreneinzelhandelsunternehmen der Welt.

So kündigte Bucherer wegen „eines massiven und dauerhaften Umsatzeinbruchs“ Mitte August den Abbau von 370 Arbeitsplätzen an, 220 davon in der Schweiz. Allein in Luzern seien die Einnahmen seit Beginn der Corona-Krise im Februar um mehr als 90% gesunken, hiess es in der Medienmitteilung. Und: Seit der Wiedereröffnung der Geschäfte im Mai habe sich die Situation kaum verbessert.

Die Lage unabhängiger Geschäfte ist nicht besser: „Wir haben seit Anfang des Jahres 85% unserer Kunden verloren. Solange die Hotels nicht ausgebucht sind, wird niemand zu uns kommen“, sagte Alain Guttly, Leiter des Genfer „Maison de l’Horlogerie“, kürzlich in einem Interview mit dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS.

Undurchsichtiger Schweizer Uhrenmarkt

Laut Schätzungen der Bank Vontobel machen Touristen, insbesondere aus Asien, auf dem Schweizer Markt fast die Hälfte des Umsatzes der Einzelhändler und Uhrenhersteller aus. „Die Chinesen kommen wegen der Luftqualität, der Landschaft und der Uhren in die Schweiz“, sagt Serge Maillard, Journalist und Co-Direktor der Fachzeitschrift Europa Star HBM.

Allerdings ist es schwierig genau zu beziffern, wie viel sich die Gäste ihre luxuriösen Souvenirs kosten lassen. „Paradoxerweise ist die Schweiz einer der am wenigsten bekannten und einer der undurchsichtigsten Uhrenmärkte, da sie sich den Exportstatistiken des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie entzieht“, erklärt Maillard.

In einem 2017 veröffentlichten Bericht schätzte der unabhängige Berater Thierry Huron das Gewicht des Schweizer Marktes auf mehr als eine Milliarde Franken. Er stellte ihn damit auf eine Stufe mit wichtigen europäischen Ländern wie Grossbritannien, Italien, Frankreich und Deutschland. Daraus lässt sich ableiten, dass ausländische Touristen vor der Corona-Krise fast 500 Millionen Franken für den Kauf von „Swiss Made“-Uhren ausgegeben haben.

China fördert Einkauf im Inland

Bisher haben die Uhrenhersteller also durchschnittlich 5 bis 10% ihres Umsatzes innerhalb der Landesgrenzen erzielt. Es wird erwartet, dass dieser Anteil mittelfristig drastisch sinkt. Touristen- und Geschäftskreise rechnen erst in einigen Jahren mit einer Rückkehr chinesischer Kunden in die Schweiz.

Chinesen und Chinesinnen werden also bisher im Ausland getätigte Käufe vermehrt in ihrer Heimat tätigen. China, das vor Hongkong zum grössten Absatzmarkt für Uhren aufgestiegen ist, verzeichnete im Juli einen Anstieg der Importe von Schweizer Uhren um fast 60%.

Die chinesische Regierung hatte diese Tendenz bereits vor Ausbruch der Pandemie gefördert. Peking ergriff verschiedene Massnahmen, damit die Landsleute ihr Geld im Inland ausgeben und nicht während ihren Reisen im Ausland. Unter anderem wurden die Zölle gesenkt und es ist verboten, mehrere Uhren für den Eigenbedarf aus dem Ausland mitzubringen.

Todesstoss für „altes“ Geschäftsmodell

Für die von Thierry Huron aufgelisteten 978 Verkaufsstellen für Uhren in der Schweiz, insbesondere in den touristischen „Hubs“, sieht die Zukunft düster aus. „Wir werden in den nächsten Jahren zweifellos die Schliessung vieler Uhrengeschäfte erleben“, prognostiziert François Courvoisier, Honorarprofessor für Uhrenmarketing an der Haute école de l’Arc jurassien (HE-ARC).

Für unabhängige Einzelhändler könnte die Situation besonders kritisch werden. Denn nebst der Corona-Krise machen ihnen seit einigen Jahren auch strukturelle Herausforderungen zu schaffen: So gefährdet der Wettbewerb, der durch die Verkaufsstellen der Eigenmarken und den Aufstieg des Online-Handels entsteht, ihr Geschäftsmodell.

„Diese Krise wird dem Geschäftsmodell der Uhrenboutiquen, die fast ausschliesslich auf den asiatischen Massentourismus setzten, ein Ende setzen“, sagt Vanessa Chicha, Direktorin von Iconeek, einer auf Gebrauchtuhren spezialisierten Marke in Genf. Auch werde durch die Pandemie der Übergang zum Online-Uhrenverkauf weiter beschleunigt.

Schliessungswelle in Sicht

So setzten grosse Uhrenkonzerne und Einzelhändler in nur wenigen Wochen E-Verkaufsstrategien um, die ursprünglich über mehrere Jahre geplant waren. „Für die meisten Uhrenmarken beobachten wir ein Umschwenken in der Vertriebsstrategie“, stellt Courvoisier fest. Dies gelte auch für Marken, die im Bereich des erschwinglichen Luxus (5000 bis 10’000 Franken) aktiv seien. „Der Online-Direktverkauf wird zum eigentlichen Rückgrat dieser Strategie.“

Für die unabhängigen Einzelhändler bedeutet dies – freiwillig oder gezwungenermassen – eine Verschiebung hin zur Digitaltechnik. Und eine Neuausrichtung auf eine eher lokale und jüngere Kundschaft. Dies wird jedoch nicht ausreichen, um das Überleben Aller zu gewährleisten. „Es wird nicht nur in der Schweiz zu Ladenschliessungen kommen“, sagt Maillard. „Es wird auch Hongkong und andere Orte treffen, die bisher bei chinesischen Touristen beliebt waren.“

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