Hat die Nationalbank ein Männerproblem?

von redaktion
Thomas Jordan, derzeitiger Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, vor einer Bildergalerie wichtiger Führungspersönlichkeiten der SNB. © Keystone / Gaetan Bally

Es ist etwas faul bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Es riecht nach Geschlechterdiskriminierung.

Dieser Inhalt wurde am 02. September 2020 – 05:00 publiziert

Fabio Canetg

Am krassesten ist die Übervertretung der Männer bei der Nationalbank im III. Departement. Diese Abteilung ist verantwortlich für die Umsetzung der Geldpolitik. Auf 46 Direktoren und Vizedirektoren kommen da vier Vizedirektorinnen. Das entspricht einer Frauenquote von neun Prozent.

Frauen werden bei der Beförderung übergangen

Über alle Departemente hinweg sind bei der SNB 117 von 145 Führungspositionen von Männern besetzt. Das sind 81 Prozent. Zum Vergleich: Die Europäische Zentralbank (EZB) beschäftigt im oberen Management 69 Prozent Männer, die US-Notenbank Fed 57 Prozent.

Ist die Nationalbank auf dem Weg zur Besserung? Nein.

Bei den SNB-internen Beförderungen werden Frauen systematisch übergangen. Seit der Jahrtausendwende hievte die SNB 57 Eigengewächse in die Führungsriege. Davon waren 84 Prozent Männer. Den Karrieresprung zur Direktorin schafften in den vergangenen 20 Jahren nur drei Frauen (und 25 Männer).

Vollzeitnorm begünstigt Männerkarrieren

Das ist problematisch aus zwei Gründen.

Erstens tendieren Männer dazu, die Bewerbungen von Frauen kritischer zu beurteilen, als die Bewerbungen anderer Männer. Gleichstellungsfachleute kennen diesen Effekt unter dem Namen „Gender-Bias“. Man könnte ihm mit einer geschlechterparitätischen Anstellungskommission begegnen. So etwas gibt es bei der Nationalbank aber nicht.

Zweitens profitieren die Männer bei der Nationalbank davon, dass sie fast ausschliesslich Vollzeit arbeiten (87 Prozent). Derweil ist mehr als die Hälfte der Frauen teilzeitangestellt (55 Prozent). Diese patriarchale Arbeitsaufteilung begünstigt die Männer, weil vollzeitbeschäftigte Führungskräfte dazu tendieren, vollzeitangestellte Bewerber besser zu bewerten als ihre teilzeitangestellten Mitbewerberinnen. Auch für diesen Effekt gibt es einen Fachbegriff, nämlich „In-Group Favoritism“.

Die von Männern geschaffenen Anstellungsprozesse bevorzugen also die männlichen Bewerber. Die Männerdominanz reproduziert sich selber.

SNB-Forschungskonferenz als Boys’-Club-Treffen

Eklatant ist die Übervorteilung der Männer auch bei der jährlich stattfindenden SNB-Forschungskonferenz.

Das wichtigste Kriterium für eine Einladung zu einer Konferenz ist normalerweise die Qualität der Forschung. Qualitativ hochstehende Forschung wird unter anderem an den Universitäten der USA produziert. Dort sind momentan rund 75 Prozent aller Ökonomieprofessuren von Männern besetzt. Zur Forschungskonferenz laden die SNB-Männer aber 94 Prozent Männer ein.

Bei der SNB gibt es also nicht nur deutlich mehr Männer als Frauen, sondern auch eine manngemachte Ordnung, die Männer systematisch begünstigt. Was unternimmt die SNB-Führungsmannschaft gegen diese Missstände?

Talentierte Frauen verlassen die SNB

Praktisch nichts.

Die Notenbankspitze sieht keine Notwendigkeit, mit frauenfördernden Programmen und verbindlichen Zielen für mehr Geschlechtergleichheit in Führungspositionen zu sorgen. Damit steht die SNB in auffälligem Gegensatz zur EZB, die trotz ihrem deutlich höheren Frauenanteil in der Führungsetage angekündigt hat, künftig mindestens 50 Prozent Frauen befördern zu wollen.

Die Ignoranz der SNB-Führung gegenüber ihrer problematischen Männerkultur führt dazu, dass viele talentierte Frauen ihr Glück anderswo versuchen. Das ist ungerecht gegenüber denjenigen Geldpolitikerinnen, die gerne in der Schweiz eine Karriere gemacht hätten.

Die Geschlechterdiskriminierung wirkt sich aber auch negativ auf die Geldpolitik der Schweiz aus: Werden nämlich Bewerber oder Bewerberinnen bewusst oder unbewusst anhand ihres (männlichen) Geschlechts anstatt anhand ihrer Kompetenzen befördert, untergräbt das mittelfristig die Fähigkeit der Notenbank, eine adäquate Geldpolitik zu betreiben.

Amanda Bayer ist Gleichstellungsbeauftragte der US-Notenbank. Sie sagt: „Der erste Schritt zur Lösung ist, sich einzugestehen, dass es ein Problem gibt.“

swissinfo.ch hat die Medienstelle der SNB mit den geschilderten Auffälligkeiten konfrontiert. Die Antwort war: Darauf antworten wir nicht.

Mehr davon?

Im Geldpolitik-Podcast (Geldcast) von swissinfo.ch spricht der Autor Fabio Canetg mit Wirtschaftsjournalistin Patrizia Laeri darüber, wie man das Geschlechtermissverhältnis bei der SNB korrigieren könnte.

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Diesen Artikel hat Fabio Canetg mit Unterstützung von Sophie Guignard geschrieben.

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